Bauhaus und kulturelle Revolution


Das Komplizierte an kulturellen Revolutionen ist… dass sie stattfinden, bevor man begriffen hat, was da tatsächlich entsteht. Das ist die Tragik, und zugleich die Komik des historischen Wandels. Ja, es darf gelacht werden. Wenn man denn kann.
Wir sind heute unbestritten Teil eines großen disruptiven Prozesses: Etwas „kippt um“ und löst tiefgreifende Veränderungen im gesamten System aus, bis das System ein anderes geworden ist.
Die Industrialisierung schickt sich inzwischen an, nicht mehr bloß stupider Handleger des Menschen zu sein. Die Technisierung wird „intelligent“, sie eignet sich das Bewerten und Entscheiden an. Doch Technik bleibt Technik, auch Künstliche Intelligenz ändert daran nichts. Deshalb ist die Sorge berechtigt, dass die Technik dominieren wird – obwohl sie, trotz gewaltigem Zuwachs an Kenntnissen und Einfluss, doch stupid geblieben ist. Wem liefern wir uns aus; dem Zauberlehrling?

Noch nie gab es einen so großen Wandel in so kurzer Zeit...

Vor 100 Jahren wurde das Bauhaus gegründet. Es war eine historisch notwendige Antwort auf die Industrialisierung, die drohte, in eine kulturelle Katastrophe zu münden. Das Bauhaus ist einer der führenden Protagonisten, die Kultur in das Schaufenster industrieller Güter brachte, Leitbilder für eine Architektur der Neuzeit schuf und ein neues Verständnis der Kommunikation mit visuellen Medien initiierte.

Mit den Gütern änderten sich sukzessive Alltag und Lebensstil. Mit dem neuen Lebensstil zog dann, lange nach dem Weltkrieg 2, ein anderer Geist in das Leben der Menschen ein.


Kontrast zu einem morbiden Milieu


Die Ideenwelt des Bauhaus bildete sich allmählich, in den erruptiven Jahren seit 1871, in verschiedensten Kreisen, in den Debatten der Jugendstil-Aktivisten, in der internationalen Werkbund-Bewegung, in der Avantgarde-Szene der Klassischen Moderne.
Sie alle waren Fremdkörper in ihrer Zeit. Nonkonformisten. In den Köpfen der Mächtigen und weiten Teilen der Bevölkerung wollte der Feudalismus nicht abdanken; das Althergebrachte wurde verklärt, trotz des machtvollen kulturellen Umbruchs, der völlig andere Wege wies. Die Technisierung galoppierte voran. Aber Fabriken wurden weiterhin – wer kann, der kann – im Stil mittelalterlicher Burgen gebaut, mit wenigen Fenstern, oft schmal wie Schießscharten. Und die Arbeitsräume dahinter?
Ein wüster Chauvinismus, Ausgeburt des Kolonialismus, eskalierte, Europas Nationen marschierten mit sinisterem Instinkt auf den Weltkrieg 1 zu.
28. Juni 1914. Attentat auf den Österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gattin Sophie Chotek.
Als die Niederlage Deutschlands und die Aussichtslosigkeit aller Schlachten und des Schlachtens bereits festgestellt war, schickte die Generalität weiterhin Welle um Welle in den Angriff. 700.000 Soldaten stürzten in einen sinnlosen Tod. Nach der Kapitulation verleugneten die Militärs, allen voran Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff ihre Verantwortung; die Schuld schoben sie dem politischen Gegner zu. Das morbide deutsche Kaiserreich endete in einem Lügenkonstrukt der schmutzigsten Art.

Die Eröffnung des Bauhaus 1919 fiel zeitlich mit der Unterzeichnung des Vertrags in Versailles zusammen. Der Vertrag sollte den Krieg beenden. Versailles zertrümmerte darüber hinaus die deutsche Monarchie. Endgültig. Die durch den Weltkrieg 1 eingetretene Verrohung der Menschen war damit nicht überwunden. Drei Jahre lang wurde fast täglich ein politisch motivierter Mord begangen, oft mit Waffen aus Militärbeständen; wenige Täter wurden zur Rechenschaft gezogen.
Die monarchistische Alltagskultur dominierte weiterhin die Öffentlichkeit und in Privatsphäre. Die Umgangssprache und öffentliche Reden strotzten vor mythischen Bildern und demonstrativer Obrigkeitshörigkeit.

Auf einer anderen Bühne trat, geradezu unbekümmert, eine neue Kulturvorstellung auf den Plan. Im kleinen Weimar, wo sich im selben Jahr auch die neue Republik mit einer bemerkenswert idealistischen Verfassung konstituierte.
Walter Gropius und seine Arbeitsgemeinschaft der Lehrenden waren von Mythen-Schwärmerei jener Zeit abgestoßen. Sie glaubten an die Reinheit und Unbestechlichkeit des Geistes, der sich in der Technik manifestiere.
Nationalismus lag den Gestaltenden fern; in ihrem kreativen Wirken pulsierte kosmopolitisches Interesse, beispielhaft in der seinerzeit jungen expressionistischen Kunst. Und Untertanen-Gesinnung? Weit weg; nur in Spuren aus früheren Zeit noch vorhanden.

Gropius, Itten und Feininger, Schlemmer und Klee, van der Rohe, Reich, Breuer und ihre zahlreichen Kolleg*innen haben Konventionen überwunden und Grenzen weit hinausgeschoben. Geradezu spielerisch – scheint es.

Was wir heute vor allem feiern: den unabhängigen Geist, den die Protagonisten bewiesen, ihre Integrität und die Willenskraft, mit der sie eine neue Realität schaffen wollten. Im Bauhaus verschwisterten sich gestalterische Kompetenz mit dem Mut, eine neue kulturelle Epoche anzugehen.


Die Revolution, zweiter Teil


Heute gilt es, dort anzuknüpfen, der heutigen Zeit und der Zukunft entsprechend – und Lücken zu schließen, die das Bauhaus gelassen hat.

Bauhaus. Ab hier geht es weiter, in die Post-Bauhaus Ära…  Die Bauhäusler liebten den Gegenstand, der ihren schöpferischen Geist fesselte. Die Verschmelzung von Kunst, handwerklichen Fähigkeiten und industrieller Systematik beseelte sie. Im Rahmen der Klassischen Moderne entfalteten sie eine Abgeklärtheit der Ästhetik, die auf einem Niveau mit der Klassischen Antike Griechenlands steht, aber zweifelsfrei den technoiden Geist der Neuzeit repräsentiert. Sie waren die Meister des künstlerisch verstandenen, souverän geformten Gebrauchsgegenstandes.

Sechs Jahrzehnte später, 1980, prägte Lucius Burckhardt das so schön paradoxe Wort: Design ist unsichtbar. Er forderte, die Dinge nicht als Wert an sich zu behandeln, sondern (auch) als Signal, Strukturelement und Impulsgeber von funktionalen und emotionalen Prozessen zu verstehen. Wechselwirkungen zwischen Objekt und Umgebung sind von vornherein einzubeziehen und bewusst zu gestalten.
Gestaltungsqualität misst sich dann daran, was das Objekt im positiven Sinn auslöst, oder: Welche Fehlentwicklungen von ihr ausgehen. Dieser visionär ganzheitliche Ansatz hat sich inzwischen etabliert, unter der Bezeichnung Design Thinking. Treiber dieses Konzepts sind Informatiker und Ingenieurswissenschaftler. Die Kluft zwischen Design Thinking und klassischer Design-Szene ist längst nicht überwunden.

Bauhaus. Ab hier geht es weiter…  Von Überdruss an der mythenschwangeren, post-monarchistischen Zeit erfüllt, erholten sich die Bauhäusler in der Klarheit und Reinheit des Funktionalen.
Empfindungswelten und differenzierte Symbolsprache, Emotionen überhaupt, existierten nur am Rand des Beschäftigungshorizonts. Eine – für unsere Verhältnisse – entscheidende Lücke, die bis heute nicht wirklich geschlossen ist. Einfühlungsvermögen fand keine systematische Förderung, die Bedeutung dieser Fähigkeit wurde nicht (an)erkannt. Empathie: Wie kann Design Menschen adäquat erreichen, wenn die Gestaltenden nicht darauf vorbereitet sind, methodisch nachzuspüren, welche Werte, Sorgen oder Sehnsüchte die Personen bewegt, für die sie gestalten?

Ab hier geht es weiter…  Im Bauhaus sammelten sich starke Persönlichkeiten, unter den Meistern und Lehrenden, und den Studierenden ebenso. Sie lösten sich von den Konventionen ihrer Gegenwart und waren bereit, Hohn und Empörung sogar in der eigenen Familie auf sich zu nehmen. Als Wellenbrecher gegen historische Strömungen wurde das Bauhaus zu einem Symbol des Individualismus der Moderne. Das Zelebrieren von Individualität ist Bestandteil des Design-Kanons geworden.

Dass Architektur und Design aber Mittel sein können, eine soziale Identität zu manifestieren und das Gemeinschaftsleben inspirierend und tolerant zu gestalten, war hingegen im Bauhaus wenig präsent. „Soziokultur“ beschäftigte die Avantgarde und das bürgerliche Bewusstsein überhaupt erst 50 Jahre später. Heute widmet sich Social Design dieser Aufgabe explizit; ein Anfang ist gemacht. Ein unsicherer Anfang. Der Größe der Herausforderung ist der Ansatz noch nicht gewachsen.


Seelenruhe in der Revolution


Der Wandel, den wir gerade fördern und der uns mitreißt, verlangt, dass wir eine stabile soziale Gemeinschaft bilden. Obwohl (und gerade weil…) der äußere Rahmen bebt und unverlässlich erscheint, als würde sich ein Erdbeben ankündigen.

Es gibt unvermittelt so viele überraschende Veränderungen, die schwer zu verstehen sind. Die Abstrahierung und die Anonymisierung der Welt wird zu einer psychischen Last. Es wird schwer, sich in seiner Region überhaupt noch heimisch und zuhause zu fühlen, wenn schon der Nachbar fremd erscheint.

Überrumpelung durch technischen Fortschritt werden wir in den kommenden zwei oder drei Jahrzehnten nicht verhindern können. Aber es kann uns gelingen, den Wandel aufmerksam – und mit Gelassenheit wahrzunehmen. Eine Voraussetzung ist, dass wir die Gemeinschaft als menschlichen Rückhalt und eben nicht als Teil des Fremden erleben.

Design mit all seinen Sparten, nicht zuletzt der Architektur, wird entscheidend dazu beitragen, dass wir die Gestaltung der Zukunft mit Offenheit und Haltung angehen können, und das Bewusstsein nicht von morbiden Aggressionen des Alltags getrübt wird.

Wir freuen uns am Bauhaus, und feiern seine Verdienste.
Jetzt sind wir gefordert.

Ralph Habich
Forum für Entwerfen e.V.



powered by editus 4.0 | letzte Änderungen: 6.3.2019 16:59