Herbert W. Kapitzki
Richtig / Falsch - Informationsbilder / Bildinformationen


Sehr verehrte Gäste,

ich möchte versuchen, einen Abriß zu geben als Einblick in das Thema, das wir hier behandeln wollen.
Wir wollen über Bilder sprechen, Bilder hier verstanden als lapidares Kürzel für eine Fülle von visuellen Sachverhalten und Eigenarten, mit denen wir es täglich zu tun haben. Und dabei sollen die Attribute "richtig" und "falsch" eine Rolle spielen.


Die Theorie träumt.
Die Praxis belehrt.

Dieser Aphorismus könnte als Arbeitshypothese gelten, wenn wir über falsche oder richtige Bilder sprechen. Auch wenn Theorie für uns mehr ist als nur eine Traumvorstellung. Dieses Diktum will nicht Dumme gescheit, sondern Gescheite nachdenklich machen.


Und nachdenken müssen wir, weil die hochtechnisierte, mit Hypermedien vollgestopfte Welt, in der wir leben, uns viel abverlangt, wenn wir uns unter den ökonomischen Verhältnissen, die sich heute auch als gesellschaftspolitische Systeme herausstellen, behaupten wollen. So gibt es immer wieder spannende Themen, mit denen sich unsere Profession beschäftigen sollte. Ganz besonders die Gestalter und diejenigen, die Gestaltung benützen, müssen sich um das Thema "Bild als Übermittlungsmedium" kümmern.


Wir produzieren täglich Bilder.
Bilder als Nachricht, als Neuigkeit,
Bilder als Persuasion, als Überredung,
Bilder als Animation, als Ermunterung,
Bilder als Stimulans, als Anreiz,
Bilder als Ideogramm, als Orientierung,
aber auch Bilder als Waffe,
als Machtinstrument.

Und immer stellt sich die Frage
nach dem Bedarf,
der Bedarfsnotwendigkeit,
der Bedarfserfüllung
und nach der sozialen Verträglichkeit der Bilder.


Dabei sollten wir anerkennen, daß Gestaltung mehr bedeutet, als in der Definition des Begriffes im allgemeinen in Anspruch genommen wird. Gestaltung geht über den Begriff "Gestalt" hinaus, es schließt mehr ein als nur die Absicht, ein Bild zu schaffen. Etwas in die Welt einzuführen durch Gestaltung, ist auch gegen die Idee der Kopierung gerichtet, die ein Modell immer und immer wiederholt. Heute haben wir ein weitaus größeres Aufkommen an Kopien als je zuvor. Die Technik macht es möglich, obwohl wir wissen, daß eine sinnvolle Aktivität des Menschen immer noch zwischen Kopierverfahren und Kreativität verteilt ist. Was uns hier interessieren soll, ist das Zustandekommen der Bilder, die wir täglich gebrauchen und verbrauchen.


Bilder sind die visuelle Umsetzung von Vorstellungen, Begriffen und Ereignissen. Es geht also um das Sehen. Das Sehen als Wahrnehmung von Information. Sehen ist das funktionale Ergebnis der Bemühungen, unsere Umwelt zu erfassen. Visuelles Wahrnehmen hat etwas mit dem selektiven Sehen zu tun, einzelne Wahrnehmungselemente führen zum ganzheitlichen Erkennen der Umwelt.
Das Anschauen der Erscheinung der Dinge, die uns umgeben, ist nicht vom Vordergründigen des Dargestellten abhängig. Erscheinung will das Dahinterstehende erkennen, das Hintergründige. So verstanden, ist das, was wir sehen, nicht immer das, was wir schauen.


Unser Denken geschieht in Bildern, nicht in Worten und Begriffen. Unsere Denkräume sind für das Erfassen der äußeren Welt durch Erfahrungsbilder eingerichtet. Das sind keine Abbilder, sondern Vorstellungsbilder, es sind andere Bilder als das empirische Bild der Wirklichkeit.


Die Vorstellung von etwas besteht aus Bildern. Das bedeutet auch, daß die Vorstellungsbilder, die unser Denken spiegeln, abstrahierte Zeichenbilder sind. Die "mentalen" Bilder, die unsere Begriffswelt anschaulich machen, sind in uns als Wiedererkennungszeichen gespeichert. Sie sind die Analogiemuster für das Erkennen und Beschreiben unserer Welt. Sie setzen sich nicht nur aus Erscheinungen des Wirklichen zusammen. Als ordnende Gestaltung und Form, Struktur, Proportion und Perspektive werden sie als Figurationen der Bewußtseinsinhalte für unser Denken eingesetzt. Diese Zeichenbilder als Vorstellungsbilder für unser anschauliches Denken dienen zur Bestimmung der Welt der Dinge, die uns umgibt.


Bilder werden immer künstlich hergestellt, sie sind eine Simulation einer angestrebten Wirklichkeit. Bilder sind in ihrer Darstellungsweise auf Grund von Abstraktionsschritten existent. Abstraktion hier verstanden als mediale Darstellung eines visuellen Vorganges in zeitlicher Folge. So ist ein Kornfeld im August im September ein Stoppelfeld. Die momentane Wirklichkeit des Kornfeldes wird als Bild zur Abstraktion, weil das konkrete Umfeld fehlt. Auch wenn eine Bilddarstellung noch so realistisch wirklich scheint. Es entsteht ein Modell eines Kornfeldes, nicht das Kornfeld an sich.

Das Bild als Nachricht, als Medium der Information, beherrscht heute die Übertragungsmechanismen. Ihre synthetische Herstellung durch rechnergestützten Mitteleinsatz erlaubt eine radikale Manipulation. Es ist in den seltensten Fällen auszumachen, ob das Bild "richtig" oder "falsch" ist. Die digitale Revolution hat uns auch eine Inflation der Bilder beschert, deren Werte fortwährend schwanken.


Wenn Heartfield schon in den 20er Jahren behauptet, das Foto sei eine Waffe, so gilt dieses heute in hohem Maße für die digitalen Bilder. Hierfür gibt es keinen eindrucksvolleren Beweis als den Golfkrieg von 1990. Die Bilder als Nachricht, die den Empfänger erreichten, waren im höchsten Maß manipuliert als ein Instrumentarium der Kriegsstrategie. Wir erhielten weltweit nur ausgesuchte, zensierte Bildnachrichten.
Die Macht der Bilder war kalkuliert.

Daß Bilder manipuliert und dadurch in ihrer Bedeutung verändert wurden, ist manchmal nur schwer zu erkennen, weil man gewohnt ist, ihnen Glaubwürdigkeit zu unterstellen. Bildern vertraut man mehr als Worten. Das ist vor allem von Bedeutung beim Bild als Persuasion, das wir täglich konsumieren.
Noch nie hat die Werbung solche Manipulationsmöglichkeiten zur Verfügung gehabt wie heute.


Dadurch, daß bei den vorhandenen Technologien der Hypermedien ein höchst unsinnlicher Wandlungsprozeß möglich wird, kann die Datenbasis der digitalen Bilder in beliebiger und auch kontrollierbarer Weise verändert werden, weil eine Transformation der Zahlenkonstellationen keinen Einschränkungen unterworfen ist. Mühelos können die digitalen Bilder eine Metamorphose durchlaufen,
die heute von den Protagonisten der Technokultur gern als eine "Befreiung der Bilder" postuliert wird. Diese Wandlungsfreudigkeit bestärkt jedoch die Tendenz zu einer immer größeren Entfernung der Bilder von der Wirklichkeit. Ein scheinbar natürliches Mädchengesicht kann sich zum Engelsantlitz, dann zur Schlange und zum Zitronenfalter verwandeln und ist damit bis zur Unkenntlichkeit manipuliert.


Diese Beweglichkeit der digitalen Bilder ist wohl heute das eigentliche Wesensmerkmal der digitalen Welt. Die Herstellung dieser Bilder hat die materiellen Ursprünge verlassen. Das Synthesebild, das vollständig vom Computer generiert wird, verzichtet auf materielle Mittel. Die virtuellen Welten verändern die Entstehungsprozesse und die Natur der Bilder. Zudem werden die Werkzeuge, die zur Herstellung des virtuellen Bildmaterials gebraucht werden, auf dem Bildschirm selbst plaziert. Das Interface ist ein operativer Raum, in dem immaterielle Informationssegmente abgerufen werden. Das verlangt vom Gestalter eine neue Art der Betrachtungsweise seiner Gestaltungsarbeit. Nicht nur der Zugriff auf das Werkzeug bekommt eine neue Bedeutung, sondern es sind auch neue Arbeitsdimensionen entstanden. Traditionelle Verfahren der Gestaltung werden hinfällig.


Und hier muß angefügt werden, daß die neuen Realisationsarten eine besonders seriöse und verantwortungsvolle Operation verlangen, die nicht der Faszinationskraft der Maschine erliegt und unreflektiert alle verfügbaren Mittel ausschöpft. Diese Faszination ist heute in einer wohl kaum aufzuhaltenden Entwicklung beim Internet festzustellen. Das Technologische des Internet hat eine Euphorie erzeugt, die der Begeisterung über die Erfindung des Buchdrucks entsprechen dürfte.

Bei allem, was uns das hightech-Zeitalter beschert hat, was es unserer Gesellschaft an Strukturänderungen gebracht hat, was es an Arbeitsplätzen vernichtet und andererseits neu geschaffen hat, werden jedoch für die Präsentation von Bildern für unseren Informationsbedarf immer noch die Printmedien eingesetzt.


Das Goethe-Zitat wird Bedeutung behalten:
Was man schwarz auf weiß besitzt,
kann man getrost nach Hause tragen.

So gibt es einige Themen, die für jedermann, besonders aber für diejenigen, die sich von Berufs wegen mit Bildherstellung befassen, von existentieller Wichtigkeit sind. Wir können sie hier nicht erschöpfend behandeln, ich bin aber zuversichtlich, daß schon das bloße Aufzeigen der Problemkreise, auch wenn sie noch so unscharf sind, besondere Bedeutung für uns hat.



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