Rolf Engelhardt
Geschichte, Philosophie
und Wahrnehmung der Bilder



Vergewisserung

Als protestantischer Theologe über Bilder zu sprechen, entbehrt zunächst nicht einer gewissen Pikanterie und Delikatesse. Dies deshalb, weil ich als ebensolcher Theologe unbedingt und zuallererst dem Wort verpflichtet bin, dem Wort traue, dem Wort viel zutraue. Und ich werde natürlich als Theologe sprechen und hoffe, daß Sie das von mir auch erwarten.

Aber: Gibt es denn eine andere Möglichkeit, als in Bildern zu sprechen und in Bildern zu denken?
Und: Haben Sie schon einmal versucht, ohne Bilder zu träumen?

Wenn da nur nicht dieses biblische Bilderverbot wäre:
"Du sollst dir kein Bildnis, noch irgendein Gleichnis machen ..."

Wir werden sehen.


Steinbruch

Im Folgenden geht es um das, was mir spontan eingefallen ist, wessen ich mich erinnert habe, was in meiner Phantasie entstand, was mir buchstäblich über den Weg gelaufen ist. Damit umkreise ich unser Thema, versuche es in den Griff zu bekommen.

"'Was tun Sie', wurde Herr K. gefragt, 'wenn Sie
einen Menschen lieben?' 'Ich mache einen Entwurf
von ihm', sagte Herr K., 'und sorge, daß er ihm
ähnlich wird.' 'Wer ? Der Entwurf?' 'Nein', sagte
Herr K., 'der Mensch.'"

Bertolt Brecht
Geschichten von Herrn Keuner


"Dein Bildnis wunderselig
hab ich im Herzensgrund
das sieht so frisch und fröhlich
mich an zu jeder Stund.

Mein Herz still in sich singet
ein altes, schönes Lied,
das in die Luft sich schwinget
und zu dir eilig zieht ..."

Joseph Freiherr von Eichendorff


"Der Ausdruck der Leute, die sich in
Gemäldegalerien bewegen, zeigt eine
schlecht verhehlte Enttäuschung darüber,
daß dort nur Bilder hängen."

Walter Benjamin
Einbahnstraße 1928


"Die Liebe befreit aus jeglichem Bildnis.
Das ist das Erregende, das Abenteuerliche,
das eigentlich Spannende, daß wir mit den
Menschen, die wir lieben, nicht fertigwerden:
Weil wir sie lieben; solang wir sie lieben.
Man macht sich ein Bildnis.
Das ist das Lieblose, der Verrat."

Max Frisch
Tagebuch


"Die Wahrheit kann man nicht haben.
Nur Bilder lassen sich festhalten.
Was sich festhalten läßt,
lohnt sich nicht festzuhalten."

unbekannt


"Bilder sind lebensnotwendig,
aber ihre Überwindung ist ebenso wichtig.
Zur Überwindung brauchen wir neue Bilder,
die dann wiederum überwunden werden müssen."

unbekannt


"Die Kraft in Bildern,
kommt aus unserem Glauben an sie.
Wir entscheiden, welchen Bildern wir glauben,
auch welchen Gottesbildern."

Ulrich Schaffer
Neues Umarmen


"Zerbrochene Bilder lassen die Wahrheit,
die hinter ihnen liegt,
stärker durchscheinen."

unbekannt


"Die Liebe zum andern und zu mir,
verbietet mir, mich an das Bild,
das der andere von mir hat,
zu halten.
Wenn ich es täte,
ginge ich ihm und mir dabei verloren."

unbekannt


"In einer Zeit, wo das nahe Geräusch des Krieges das Vaterland ängstigt, wo der Kampf politischer Meinungen und Interessen diesen Krieg beinahe in jedem Zirkel erneuert und nur allzu oft Musen und Grazien daraus verscheucht, wo weder in den Gesprächen noch in den Schriften des Tages vor diesem allverfolgenden Dämon ... Rettung ist, möchte es ebenso gewagt als verdienstlich sein, den so sehr zerstreuten Leser zu einer Unterhaltung von ganz entgegengesetzter Art einzuladen. In der Tat scheinen die Zeitumstände einer Schrift wenig Glück zu versprechen, die sich über das Lieblingsthema des Tages ein strenges Stillschweigen auferlegen und ihren Ruhm darin suchen wird, durch etwas anderes zu gefallen, als wodurch jetzt alles gefällt. Aber je mehr das beschränkte Interesse der Gegenwart die Gemüter in Spannung setzt, einengt und unterjocht, desto dringender wird das Bedürfnis, durch ein allgemeines und höheres Interesse an dem, was rein menschlich und über allen Einfluß der Zeiten erhaben ist, sie wieder in Freiheit zu setzen und die politisch geteilte Welt unter der Fahne der Wahrheit und Schönheit wieder zu vereinigen."

Friedrich Schiller
Werke; so kündigt er sein ästhetisch-literarisches Lieblingskind, die Monatsschrift 'Die Horen' an


"Die Bilder im Brunnen unserer Seele haben allen
anderen Bildern eines voraus: Auch der Blinde
vermag sie zu sehen."

Jo Krummacher
Bilderbogen


"Du sollst dir kein Bildnis machen, damit der
Rahmen dich nicht gefangen hält."

dito


"Korrektur Gottes am Bild, das der Mensch von
Gott entwirft: Ein Mensch, der in kein Bild paßt."

dito


"Fotos lügen. Maurice ist Fotograf, spezialisiert auf Portraits, gestellte Aufnahmen von Ehepaaren, von Familien, von Müttern und Söhnen, Großmüttern und Enkeln. Bevor Maurice auf den Auslöser drückt, bringt er seine Kunden durch einen Witz oder ein Kompliment zum Lachen. Auf den Fotos sind dann fröhlich in die Welt blickende Menschen zu sehen.
Aber der Regisseur zeigt die Momente vor und nach der Aufnahme. In ihnen scheint die Wahrheit auf, und zum Vorschein kommen unglückliche, mürrische, verkniffene, vor Enttäuschung grau gewordene Gesichter. Der Zuschauer wird Zeuge der Zänkereien unter den Angehörigen, er sieht die Erleichterung, wenn der Augenblick des vorgetäuschten Glücks vorüber ist. Jeder der Fotografierten hat ein Geheimnis, dunkle Flecke auf der Biographie, ein Fehltritt, eine falsche Entscheidung, für die er sich schämt und ohne die vielleicht alles glücklicher gelaufen wäre. Auch Maurice, der so wundervoll lügt mit seinen Fotos, könnte einer von denen sein, die sich dem Auge seiner Kamera präsentieren."

Aus der Besprechung des Films "Lügen und Geheimnisse"
in der Südwest Presse vom 27. September 1996


"Enttäuschung ist ein Hinweis,
daß ein Bild kaputt geht.
Jede Enttäuschung führt aus der Illusion,
aber nicht unbedingt näher an die Wahrheit."

Ulrich Schaffer
Neues Umarmen


"Vor Bildschaffenden referieren -
vor Vorbildschaffenden?"

Der Verfasser


"Kein Bildnis wirst du dir machen,
Kein Gleichnis an Meiner Statt.
Abbilden wirst du nicht,
Was am Himmel ist
Auf der Erde;
Und unter der Erde
Im Wasser.
Wirf dich nicht nieder
Vor Bildern.
Bete sie nicht an
Und diene ihnen nicht:
Ich allein bin der Herr
ich allein bin dein Gott."

Exodus 20, Vers 4 - 6,
in der Übersetzung von Walter Jens


"Mißtraue diesen Aussagen.
Sie sind Bilder.
Wenn sie dich auf den Weg
in die Bildlosigkeit locken,
haben sie ihren Dienst getan."

Ulrich Schaffer
Neues Umarmen


Damit ist mein Steinbruch rekultivierbar.


(M)Ein Problem

Eine Geschichte des Bildes kann ich nicht liefern. Was ist eine Geschichte des Bildes? Und ist sie etwas anderes als eine Geschichte der Kunst? Und was ist damit gemeint? Der Begriff Bild im landläufigen Gebrauch deckt alles und nichts ab, und das sind wir auch von dem Begriff Kunst gewöhnt. Die Kunst setzt die Krise des Bildes und seine Neubewertung als Kunstwerk in der Renaissance voraus. Sie ist geknüpft an eine Vorstellung vom autonomen Künstler und an eine Diskussion über den Kunstcharakter dessen, was er schafft. Während die Bilder alter Art von den Bilderstürmern zerstört werden, entstehen Bilder neuer Art für die Kunstsammlung. Die Auslieferung des Bildes an den Betrachter kommt handgreiflich in dieser neu entstehenden Kunstsammlung zum Ausdruck, in der die Bilder humanistische Themen und Kunstschönheit repräsentieren.

Wie auch immer, eines steht fest: Bilder haben sich von jeher dazu geeignet, aufgestellt und verehrt, aber auch zerstört und mißhandelt zu werden. Die Kontroversen um Bilder waren von je verschiedener Art, ob die Parteien nun für oder gegen Bilder generell antraten, oder ob sie sich an der richtigen oder falschen Auffassung gemeinsamer Bilder gemessen haben. Aber es waren Kontroversen. Und der Mensch hat sich nie von der Macht der Bilder befreit, er hat sie immer nur an anderen Bildern und auf andere Weise erfahren. Beispielhaft dafür soll der Streit um das biblische Bilderverbot stehen.


Bilderverbot und Bilderstreit

Orlamünde liegt in der ehemaligen DDR, südlich von Jena. Ihren Namen hat diese Stadt von der Orla, einem Fluß, der hier in die Saale mündet. Früher war Orlamünde Herrschaftssitz, Grafen gleichen Namens residierten hier. Aber noch anderes machte den Ort bekannt, denn ein Reformator wirkte in Orlamünde, wenn auch nur ein Jahr. Das aber reichte, um einen prägenden Eindruck zu hinterlassen. Er hieß Andreas Bodenstein, nannte sich aber, wie es damals Brauch war, nach seinem Geburtsort Karlstadt. Andreas Karlstadt war gut bekannt mit Martin Luther. Bevor er nach Orlamünde zog, hatte er als Professor an der Wittenberger Universität gewirkt und war Luthers Doktorvater gewesen.


Ganz grün waren sich die beiden jedoch nicht. Es gab Spannungen zwischen ihnen, denn der ehrgeizige Karlstadt vertrug es nicht, in den Schatten Luthers zu geraten. Zudem war er ein Hitzkopf, Geduld und Augenmaß gehörten nicht zu seinen Stärken. Unstimmigkeiten mit dem Wittenberger Reformator veranlaßten ihn, die Professorenkutte und den Doktorhut an den Nagel zu hängen und nach Orlamünde zu ziehen. Er wurde Pfarrer dort und wollte konsequent und ohne Abstriche in die Tat umsetzen, was er sich vorstellte unter Reformation.

Karlstadt hielt es sehr streng mit biblischen Worten und Weisungen, auch mit den Geboten.
"Du sollst dir kein Bildnis machen" las er in der Bibel, und wie er das verstand, bekam die Orlamünder Gemeinde deutlich zu spüren. Bilder, Plastiken, sogar die Orgel waren plötzlich aus ihrer Kirche verschwunden, der Pfarrer Karlstadt hatte alles hinauswerfen lassen. Begründung: Es sei ein "Raub an Gottes Ehre", und außerdem lenke Gemaltes ab vom "Eigentlichen", dem Wort der Bibel, dem Evangelium.


Nach Ansicht Luthers trieb es Karlstadt damit zu weit. Den Wittenberger Reformator störten Bilder in der Kirche dann nicht, wenn sie Menschen die Augen für Christus und Gott öffneten.

"Ja, wollt' Gott, ich könnt' die Herren und Reichen dahin bewegen, daß sie die ganze Bibel inwendig und auswendig an den Häusern vor jedermanns Augen malen ließen, das wäre ein christlich' Werk."

Karlstadt war da, wie gesagt, anderer Meinung und mit ihm der Schweizer Reformator Huldrych Zwingli. Noch heute prägen deswegen weiße, kahle Wände die Gottesdiensträume reformierter Christen.

Fraglich ist, ob die Auslegung der beiden so ganz übereinstimmt mit dem, was in der Bibel zum Bildergebot steht. Die vermutlich älteste Fassung dieses Gebotes finden wir im fünften Buch Mose, Kapitel 27:

"Verflucht sei, wer einen Götzen oder ein
gegossenes Bild macht."

Und die wohl bekannteste Version - ich habe sie vorhin schon einmal zitiert - steht im zweiten Buch Mose, Kapitel 20:

"Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist."

In beiden Formen ist dieses Gebot mit Blick auf Gott gesagt. Du sollst Gott nicht in einen Rahmen pressen, denn er ist
frei und sprengt menschliche Vorstellungen und Phantasien.


Also: Hatten sie doch Recht, Karlstadt und Zwingli und all die anderen, die im Lauf der Geschichte ähnlich dachten wie sie?
Wer in der Bibel liest, findet sie fast auf jeder Seite, Bilder für Gott. Er ist, heißt es, wie ein Arm, ein Fels, ein Vater, ein Licht, eine Hand, ein Auge, eine Sonne und und und. Vielfältig und bunt malt die Bibel Sprachbilder für Gott. Aber die wollen nicht wie Fotos Sichtbares kopieren, keine Abbilder Gottes sein. Sie sind Ausdruck religiöser Erfahrung. Die biblischen Schriftsteller wollen damit nicht vor Augen führen, wie Gott ist, sondern wie sie ihn in ganz bestimmten Situationen erlebt haben: Als schützende Hand oder wie ein wegweisendes Licht. Diese Bilder zeigen Gott nie objektiv, unverrückbar und als Ganzes. Sie enthüllen ihn und entziehen ihn gleich wieder. Und das ist wohl auch mit dem deutlichsten Bild für Gott in der Bibel so, mit Jesus Christus. Er ist einerseits ein Mensch aus Fleisch und Blut, mit Freunden und Verwandten, ein Mensch, der denkt und fühlt, und doch ist er das wieder nicht. Er ist greifbar und ungreifbar zugleich. Er ist nah und fern, bekannt und unbekannt, entspricht unseren Hoffnungen, und doch wieder nicht.


Im Streit um die Auslegung des Bilderverbots hält Luther den Bilderstürmern entgegen:

"Es gibt zweierlei Bilder".

Gott redete nicht von allen Bildern, sondern nur von jenen, die "man an Gottes Stelle setzt". Und darum verbietet Gott im Alten Testament allein die Kultbilder. Sie sollen auch weiterhin verboten sein oder, besser, ihre Funktion verlieren.
Schließlich liegt es an dem Betrachter, was er mit dem Bild tut, und nicht am Bild selbst.


Die Bilderkritik war in der Reformation kein neues Thema. Im katholischen Spätmittelalter häufen sich warnende und mäßigende Stimmen. Neu war der Zusammenhang, in den die Bilderkritik jetzt geriet. Es war die allgemeine Kirchen-reform, in der sie einen Signalwert für den Umbruch erhielt. Die neue Lehre ging auf Distanz zur alten Papstkirche. Dabei waren ihr die dortigen Mißstände im Bilderkult und Ablaß-wesen nur willkommen, denn sie erlaubten eine scharfe Abgrenzung dort, wo jedermann die Grenzen sah.


So konnte man auch nicht bei der bloßen Bilderkritik stehen bleiben. Die Situation verlangte nach einer neuen Praxis. Die
Selbstdarstellung der Neugläubigen war auf das Gesicht einer bilderlosen Kirche angewiesen. Die Reinigung des Tempels von den Händlern und von den Bildern sollte die Zustände einer Urkirche, die noch nicht auf die schiefe Bahn geraten war, wieder herstellen. So sah man die Dinge, und so fand man den Angelpunkt der Kirchenreform. Ein gereinigter Tempel setzt aber voraus, daß man ihn erst einmal reinigt. In diesem Sinne ist der Bildersturm angewandte Bilderkritik. Allerdings ist er ein Thema mit vielen Facetten, ja auch mit Widersprüchen. Ich habe es gesagt, nicht einmal die Reformatoren waren sich darin einig.


Aber der Bildersturm war nicht nur eine Sache der Theologen. Er schloß den Aufstand gegen Kapital und Obrigkeit ein, mochten nun die Gegner verhaßte Grundherren, reiche Klöster ohne Steuerzwang oder die landfremde spanische Besatzung sein. Die Initiatoren des Bildersturms waren manchmal die Volksmassen, manchmal das Patriziat einer Stadt im Kampf mit der besitzenden Kirche, seltener die Theologen selber. Gerade der Symbolwert einer Säuberung des Tempels machte die Aktion zur scharfen Waffe in vieler Leute Händen. Man konnte damit ebenso die Kirche wie den örtlichen Magistrat oder reiche Grundherren treffen, die sich in kirchlichen Bildstiftungen die eigenen Denkmäler gesetzt hatten. Damit sind Kontroversen der politischen Geschichte und der Sozialgeschichte berührt.


Die Pole, zwischen denen sich das Geschehen abspielt, sind am besten durch die Verhältnisse in Wittenberg und in Münster gekennzeichnet. In Wittenberg streiten im Frühjahr 1522 die Theologen um das Schicksal der Kirchenreform. Man brauchte dazu die Unterstützung des sächsischen Landesherrn. Deshalb wollte Luther jeden Aufruhr vermeiden, der die eigene Sache gefährden würde, und den alten Bildgebrauch im Falle des Kurfürsten sogar zulassen. In Münster dagegen haben die Wiedertäufer 1534 den Umsturz des Regimes herbeigeführt. Sie sind als Bewegung längst politisiert, weil ein Reichsgesetz sie zu Aufrührern gestempelt hatte. Sie vertreiben den Bischof als Landesherrn und eröffnen den Angriff auf den Götzen Geld, indem sie das Kapital aus dem Verkehr ziehen und alle Kleinodien im Rathaus horten. Die endzeitliche Heilserwartung sehen sie in der Verwirklichung des eigenen Friedensreichs:
Darauf spielt die Losung der Gedenkmünzen an. Von nun an solle man

"Gott allein in dem lebendigen Tempel und Herzen der Menschen"

und nicht mehr im Bild oder im Sakrament ehren, wie es bei einem der Anführer heißt. Die Bilder seien zu entfernen, damit ihr Gedächtnis aus dem Herzen getilgt werde. Die neue Bewegung wollte sich in Münster von den SymboIen und von den Erinnerungen befreien, die in den Bildern verkörpert und verewigt waren. Die sichtbaren Garanten der Tradition waren ein Hindernis in der Stunde des Aufbruchs.


Die religiöse Selbstbestimmung ist auch anderenorts eng mit der politischen Selbstbestimmung gekoppelt. In Genf war der Bildersturm am 8. August 1535 das zentrale Ereignis für die Konsolidierung der Reformation. Die neuen Prediger beherrschten die Szene, nachdem der Bischof als Stadtherr vertrieben war. Calvin stieß 1536 zu ihnen, konnte aber erst seit 1541 ein theokratisches Regime in der Stadt errichten, in dessen Politik die alten Grenzen zwischen profanem und kirchlichem Leben hinfällig wurden. Die neue Ära, die nach der Säuberung der Kirchen gleichsam in einer Stunde Null begann, wurde in einer quadratischen Bronzeinschrift gefeiert, die bis zum Jahre 1798 am Rathaus angebracht war:

"Wir haben dem Aberglauben abgeschworen und die sakrosankte Religion Christi wieder in den Urzustand, seine Kirche in eine bessere Ordnung zurückversetzt. Die Stadt, deren Feinde wir in die Flucht trieben, erhielt nicht ohne ein Wunder des Himmels die Freiheit wieder. Senat und Volk von Genf haben zur ewigen Erinnerung daran das Monument an diesem Ort errichten lassen. Möge es für die Nachfahren ihren Dank an Gott bezeugen."


Die Formen, in denen sich anderenorts der Bildersturm vollzog, lassen manchmal erkennen, welche Motive hinter den Aktionen standen. Der Reutlinger Chronist Fizion beschreibt, wie im Jahre 1531 die Hauptkirche "ganz von abergläubischer Substanz und päpstlicher Abgötterei ausgesäubert wurde". Man zerstörte auch die Altäre "und riß die Bilder weg mit Gespött". Zwei Motive stehen dabei im Vordergrund. Es geht darum, die Ohnmacht der Bilder zu demonstrieren, denen man immer so viel Macht zugeschrieben hatte. Zum andern will man die alten Institutionen, besonders die Römische Kirche, bloßstellen, die mit solch wirkungslosen Bildern über die Menschen hatte Macht ausüben wollen.


Die Entmachtung der Bilder, von denen man keine Rettung mehr erhoffen darf, wirft den Menschen aber auf sich selbst zurück. Die Bilder waren sein Werk und der Bilderkult sein Irrtum. Er bleibt derselbe, auch wenn er die Bilder wegräumt, denn sie sind nur der äußere Schein seiner inneren Bilder.

Noch einmal: Der Mensch der Neuzeit bleibt in der Welt mit sich allein. Er kann sich seine Bilder erfinden, aber sie haben nichts anderes aufzuweisen, als die Wahrheit, die er ihnen selbst zubilligt.


Dieses "Du sollst Dir kein Bildnis machen" will uns öffnen für unser wirkliches Leben. Es bedeutet: Du sollst nicht in Rahmen pressen. Du sollst bekannte Bilder hinter dir lassen können, weil sie dich hindern, Neues zu erfassen. Du sollst immer wieder ausbrechen aus lieb gewordenen Vorstellungen und gerne gebrauchten Formeln und Wörtern. Mach' dich auf ins wirkliche Leben - , ein Hauch von Exodus schwingt mit in diesem Gebot. So unterstützt es jene Bilder, die uns zu uns selbst führen oder unseren Horizont erweitern und unserer Phantasie Flügel geben, die uns die Sinne öffnen. Bilder eben, die sich gegen Rahmen wehren. Im Sinne von Franz Marc, der schreibt:

"Haben wir nicht die tausendjährige Erfahrung,
daß die Dinge umso stummer werden, je deutlicher
wir ihnen den optischen Spiegel ihrer Erscheinung
vorhalten? Der Schein ist ewig flach."

Bilder, die über solchen Schein hinausweisen, können aus der Enge auf neue Wege führen. Auch wenn der Pfarrer Karlstadt das nicht wahrhaben wollte.


Der (richtige) Blick

"Unser Auge hat flink und scharf zu sein. Würden wir erst die Stirne runzeln und zwinkern, wär's schon zu spät. Unter all den unzähligen Dingen, die an unserem Blick vorbeiziehen, gleichsam im Flug gerade das auswählen, was uns entspricht, ist vielleicht schwerer als es oft scheint."

Fernand Léger
Mensch - Maschine - Malerei


"Nachdem ich diesen kühlen und friedlichen, diesen vornehmen und verwunschenen Ort allmählich in mich aufgenommen hatte, wurde mir auch bewußt, weshalb sich Ossia ausgerechnet hierher zurückgezogen hatte. Man befand sich hier immerzu in einem halbwegs unbelebten Zeit-Raum, in dem sich die Augenblicke übermäßig dehnten, ganz ähnlich wie ich es in seinen letzten Filmen gesehen hatte, wenn der Kamera-Blick an einem sinnlichen Detail anhaftete, so lange, bis es zu sprechen begann, bis sich der Blick zur Schau erweiterte."

Botho Strauß
Der junge Mann


Im Jahre 1742 veröffentlichte Johann Martin Schladenius seine Abhandlung "Einleitung zur richtigen Auslegung vernünftiger Reden und Schriften". Er entwickelte dort die Theorie des "Sehe-Punktes" und geht von der These aus, daß jedes menschliche Erkennen durch den "Ort unseres Auges" bestimmt werde. Insofern gibt es nach Schladenius kein allgemeines Erkennen, sondern nur ein jeweils bestimmtes. Die allgemeine Lehre vom Erkennen kann immer nur die aktuellen Bedingungen von Wahrnehmung beschreiben. Schladenius formuliert dafür ein
instruktives Beispiel:

"Ein König hat von denjenigen Dingen, die in den entferntesten Provinzen vorgehen, gemeiniglich keine andere Nachricht, als was ihm von dem darübergesetzten Gouverneur berichtet wird. Indem nun diese Berichte den Grund in sich enthalten, warum der König von dem Zustand derselben Provinz richtig oder fälschlich, umständlich, ausführlich oder wenig unterrichtet ist, so sind diese Berichte der Sehe-Punkt, wonach sich ein großer Herr das, was in entferntesten Provinzen vorgeht, vorzustellen pflegt."


Dieses Beispiel eröffnet uns einen interpretativen Einblick in den Zusammenhang von Erkennen und Blick. Drei Ebenen werden uns dabei vorgeführt: Der Blick des Königs, der Blick des Gouverneurs und - zwar nicht explizit genannt, jedoch wie selbstverständlich vorausgesetzt - der Blick der Menschen, die in jener fiktiven Provinz leben. Dabei ist jeder dieser Blicke verschieden, bestimmt von Perspektiven, die wiederum hervorgerufen werden durch den verschiedenen Status und die verschiedenen Interessen der Blickenden. Der Blick des Königs ist gerichtet auf das Ganze. Von einer doppelten Perspektive ist der Blick des Gouverneurs bestimmt. Auf der einen Seite muß er den Erwartungen des Königs entgegenkommen, das heißt, er muß in den Blick des Königs einstimmen. Auf der anderen Seite darf er sich aber auch nicht dem Blick der kleinen Leute entfremden, denn sonst geriete die Ordnung seiner Provinz in Gefahr, was wiederum seine Stellung beim König gefährdete. Der Status des Gouverneurs ist geprägt durch das schillernde Oszillieren zwischen den Blicken des Königs und den Blicken der kleinen Leute. Diese wiederum teilen die Sorgen des Gouverneurs nicht. Ihr Blick ist gerichtet auf die alltäglichen Sorgen: Ob genügend Brennholz für den Winter da ist, ob abends ein wenig Fleisch in der Suppe sein wird. Der
König ist dabei fern und nah zugleich. Sie spüren seinen Blick nur indirekt und doch hautnah: Im Zwang der Steuerabgaben, im Auftreten der Werber, die die gerade erwachsen gewordenen Söhne zum Militärdienst pressen, usw. So entstehen aus der einen Provinz durch die drei Blicke drei ganz verschiedene Provinzen. Doch welches ist das wahre Bild?


Auf diese Frage ist eine Antwort nur möglich, wenn sich die Ebene der Frage verlagert. Die Frage nach dem wahren Bild läßt sich nur beantworten, indem die Frage nach dem Blick gestellt wird. Die Suche nach dem wahren Bild verweist uns auf die Bedingungen des Blicks. Damit ist die Wahrheitsfrage nicht suspendiert, sondern verlagert: Auf die Ebene des Blick-Geschehens, in dem sich Wahrheit für den Menschen erst herauskristallisiert. Das Geschehen in der Spannung von Blick und Bild ist jedoch entscheidend bestimmt durch die ästhetische Dimension. Bereits die Umgangssprache setzt einen solchen Zusammenhang - naiv und massiv zugleich - voraus. Nennen wir einen Menschen klug, dann bezeichnen wir ihn als einsichtig. Hat er etwas Wahres erkannt, dann bescheinigen wir ihm einen Durchblick. Und die Summe seiner maßgeblichen intellektuellen und moralischen Grundlagen nennen wir seine Weltanschauung.
Diese mehr unbewußte Klassifizierung durch die umgangssprachliche Konvention ist quer durch die Wissenschaften und Künste hindurch immer wieder explizit benannt, problematisiert und in die Form von Theorien gegossen worden.
Dafür ein Beispiel: In seinem Buch "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" gelingt es Marcel Proust, die explosive Wucht der sozialen Frage im 19. Jahrhundert unter der Dimension des Blicks wie in einem Brennspiegel zu versammeln und zur Darstellung zu bringen.


"Am Abend aßen sie nicht im Hotel, wo die elektrischen Lampen den Speisesaal mit Licht überfluteten, so daß dieser zu einem riesigen Aquarium wurde, vor dessen Glaswänden die Arbeiterbevölkerung von Balbec, die Fischer und auch die Kleinbürgerfamilien, unsichtbar im Dunkel sich die Nasen platt drückten, um das sich langsam in goldenem Geplätscher wiegende Luxusleben aller dieser Leute anzuschauen, das für die Armen ebenso merkwürdig wie das von seltsamen Fischen oder Mollusken ist (und die große soziale Frage ist die, ob die Glaswand immer das Fest der Wundertiere umhegen wird, oder ob nicht die unbekannten Leute, die gierig in der Nacht mit dem Blick etwas zu erhaschen suchen, eines Tages kommen, sie aus dem Aquarium holen und verspeisen werden.)"

Diese - von Ortega y Gasset so benannte - Korrelation zwischen Blickpunkt und Wirklichkeit läßt sich quer durch alle Bereiche der menschlichen Kultur hindurch ausmachen. Durch die medientechnische Revolution der letzten Jahrzehnte wird dieser Zusammenhang immer brisanter. Die neuen Medien haben auf der einen Seite das Welt-Bild der Menschen entscheidend erweitert, auf der anderen Seite leben wir jedoch durch eben diese Entwicklung immer mehr von Bildern aus zweiter Hand.

Der eigene Blick wird immer abhängiger von den Blicken anderer:
"Eine immer kleinere Minderheit wird nicht nur die lebenswichtigen, die politischen, administrativen und technischen Programme ausarbeiten, sondern auch die Gefühlsrationen, die epischen Fluchtmöglichkeiten und das Bild eines Lebens, das total figurativ geworden ist, denn das wirkliche soziale Leben läßt sich durchaus durch ein nur noch dargestelltes soziales Leben ersetzen."

Andre Leroi-Gourhan
Die Evolution von Technik, Sprache und Kunst


Ob durch diese Entwicklungstendenzen unser Leben in Zukunft mehr "bildgesegnet" oder mehr "bildverflucht" sein wird, wie Hermann Broch in seinem Roman "Der Tod des Vergil" die Alternative formuliert - , wird nicht zuletzt davon abhängen, inwieweit eine pädagogisch verantwortliche Ästhetik den Zusammenhang von Blick und Wahrheit, Bild und Wirklichkeit ins Bewußtsein rufen kann und wird.

Dem Blick kommt eine entscheidende, wenn nicht die entscheidende Bedeutung für die Wahrnehmung von Wirklichkeit zu. Wenn es gilt, was Michael Baxandall in seiner Studie zur "Malerei und Erfahrung im Italien des 15. Jahrhunderts" nachzuzeichnen versucht, daß nämlich das jeweilige gesellschaftliche Umfeld die "Herausbildung spezifischer visueller Fähigkeiten und Gewohnheiten" maßgeblich beeinflußt, dann sind eben diese Fähigkeiten und Gewohnheiten in den geschichtlichen Wandel integral einbezogen. Der Blick ist stets ein geschichtlicher Blick: Wandelbar und unstet, von Interessen geleitet und Interessen ausbildend zugleich.


Nicht zuletzt die Studien von Foucault zeigen auf eindringliche Weise, daß der Blick keine selbstverständliche Sache ist, sondern eng verwoben mit dem gesamten Wirklichkeitsbezug einer geschichtlichen Epoche. Es gibt keinen neutralen, objektiven Blick. Gibt es aber keine Objektivität des Blicks, so wird die Notwendigkeit einer Reflexion über die Bedingungen des Blickens unabweisbar. Zu solch notwendiger Selbstreflexion des Blicks gehört die Bewußtmachung derjenigen Seh-Traditionen, in denen wir immer schon stehen. Denn jedes Sehen ist geprägt von einem Sehen davor. Dieses Sehen davor schuf jene Bilder und ästhetischen Objekte, die ein darauffolgendes Sehen erzogen und geschult haben. Jedes Sehen lebt deshalb in und aus einer Gedächtnisspur, die sich jeder Gegenwart - je unbewußter, desto tiefer - eingeprägt hat. Insofern gibt es keinen anfänglichen, sondern nur einen kreativen Blick des Menschen. Kreativer Blick hieße dann: In bewußtem Bezug zu den Blick-Traditionen und Blick-Erzeugnissen vor uns unseren eigenen Blickpunkt zu verstehen und so erst zu gewinnen.


Das Verhältnis von Blick und Bild ist ein Verhältnis voller Spannung. So kann der Blick des Betrachters sowohl Ekel und Abscheu erwecken als auch Begehren und Leidenschaft. Auf der anderen Seite lehrt das Phänomen der optischen Täuschung, daß es ganz offensichtlich Bild-Konstellationen gibt, die die Fähigkeit besitzen, den Blick des Betrachters auf Abwege oder in die Irre zu führen. Auf diese Weise bestimmen die Bilder den Blick, wie andererseits die Blicke die Bilder qualifizieren. Es kommt nun alles darauf an, diesem Wechselspiel von Blick und Bild nicht bewußtlos zu verfallen, sondern sich ihm zwar anzuvertrauen, aber bewußt anzuvertrauen.


Und hier bin ich noch einmal bei der Theologie. Sie hat schon immer gewußt, daß es keinen neutralen Blick gibt. Deshalb hat sie auch solche Probleme mit den Blicken und den Bildern. Wenn in Deuteronomium 12, Vers 3 unverhohlen zum Bildersturm auf die Götzenbildnisse aufgerufen wird, so ist dies kein Ausdruck von primitiver Kulturbarbarei, sondern die Konsequenz der Erkenntnis, daß es auch in der
religiös-theologischen Dimension den unschuldigen Blick nicht gibt. Die Zentralstellung des zweiten Gebotes in der gesamten alttestamentlich-jüdischen Tradition, das Bilderverbot also, gräbt diese Erkenntnis tief in das Gedächtnis und die Gefühlswelt der Glaubenden ein.


Der blickende Gott und der so angeblickte und seinerseits wiederum blickende Mensch geraten durch diesen Blickwechsel und Blickaustausch in eine genau qualifizierte und genau zu qualifizierende Konstellation. Bereits in Genesis 1 definiert der Blick Gottes seine Schöpfung als eine gute. Die Treue Gottes zu dieser seiner guten Schöpfung und zu seinem auserwählten Volk vollzieht sich als eine Treue des sorgenden Blicks, wie dies in Exodus 3, Vers 7 explizit zum Ausdruck kommt:

"Ich habe das Elend meines Volkes in Israel gesehen!"

Diese Treue des Blicks taucht vor allem in der Gebetsliteratur Israels ständig auf: Sie ist es, auf die der Beter seinerseits vertraut, sie beschwört und einklagt:

"Meine Augen sehen nach den Treuen im Lande,
daß sie bei mir wohnen."

Psalm 101, Vers 6


"Wenn man alle Gefangenen auf Erden unter die Füße tritt und eines Mannes Recht vor dem Allerhöchsten beugt und eines Mannes Sache verdreht, - sollte das der Herr nicht sehen?"

Klagelieder 3, Vers 34 - 36


Der sorgende, aber auch der zumutende Blick Gottes qualifiziert die Wirklichkeit und lädt den Glaubenden seinerseits zu einem genau bestimmten Blick ein: Weg von den Bildern der Götzen und hin zu den Werken der Schöpfung des einen und einzigen Gottes und zu den Weisungen seiner Thora. Das Gottesverhältnis des Israeliten wird damit in seinen wesentlichen Vollzügen zu einem pointierten Verhältnis von Blicken, die einander erwecken und sich tragen.

In den verschiedensten kirchengeschichtlichen Epochen, in den unterschiedlichsten theologischen Vollzügen und Positionen erweist sich das Thema des Blicks stets als ein Thema, das ins Zentrum der theologischen Sache führt.
In der Reflexion über den Blick zeigt sich jeweils auch das, was es mit dem betreffenden Gottesbegriff und Glaubensverständnis auf sich hat. Der Blick, der konstituiert wird durch den Glauben, ist ein bestimmter Blick. Deshalb muß auch immer wieder aufs neue über ihn gestritten werden, und es wird immer über ihn gestritten, denn auch hier gilt, daß Wahrheit für uns immer nur als umstrittene Wahrheit zu artikulieren ist. Gerade wer am Gedanken von Wahrheit festhalten will, der muß sich in den Streit um die Wahrheit und deshalb auch in den Streit um den Blick begeben.


Wer theologisch über den Blick nachdenkt - und das ist meine Aufgabe als Theologe - , wird in der Person des Jesus von Nazareth sein Kriterium suchen und finden. So vielfältig die biblischen Zeugnisse über diese Geschichte sind, so sind sie sich doch darin einig, daß von diesem Jesus ein liebender, ein entdeckend-helfender Blick ausgeht. Wo andere Menschen nichts sehen, da sieht er; wo er sieht, da hilft er. Sein Sehen ist identisch mit liebender Zuwendung und Annahme. Dieser liebende Blick unterscheidet sich vom unheimlichen Blick, der auch heute (gerade heute) allgegenwärtig ist. Weiß sich der Mensch von den Dämonen angeblickt, dann bleibt ihm seinerseits nur ein beherrschender Blick übrig. Dämonenfurcht und herrschender Blick, der allgegenwärtig ist, bedingen sich gegenseitig. Wer sich durch diesen unheimlichen Blick angeblickt weiß, der muß wenigstens versuchen, die ihn umgebende Welt krampfhaft in den Griff - und sei es nur den seines Blickes - zu bekommen. Demgegenüber erinnert der christliche Glaube an jenen anderen Blick Gottes, der nicht angstmachend den Menschen im Nacken sitzt, sondern der Liebe ausstrahlt.
Der von diesem Gott angeblickte Mensch lernt zu sehen, ohne durch diesen seinen Blick herrschen zu müssen. Es ist der Blick des Glaubens und der Liebe, der Sonne und der Wärme, der eine neue Weltwahrnehmung und einen neuen Weltbezug ermöglicht. Spätestens hier verschmelzen die theologische und ästhetische Dimension. In der Ästhetik wird deutlich, daß sich Weltwahrnehmung stets aus einem bestimmten Blickwinkel heraus vollzieht, daß jedem Blick sein ihm eigentümliches Welt-Bild auf dem Fuße folgt. In diese ästhetische Erkenntnis stimmt die theologische Reflexion ein, indem sie Glauben immer auch beschreiben kann als einen genau qualifizierten und stets wieder aufs neue genau zu qualifizierenden Blick auf die Welt. Dies ist der Kern aller Bilderkämpfe. Gerade der Streit um die Bilder zeigt, daß sich die Auseinandersetzung um das richtige Bild und den richtigen Blick immer in konkreten ästhetischen Vollzügen abspielt. Auch eine Bilderverbrennung ist ein ästhetischer - und was für ein ästhetischer - Akt. Und wenn die, die so spektakulär gegen eine bestimmte Ästhetik vorgingen, ihrerseits bald brannten, so war auch dies eine furchtbare ästhetische Antwort.


Wenn es der Blick ist, über den sich unvermeidlich die Weltwahrnehmung konstituiert, dann ist jedes Handeln wiederum durch diesen Blick bestimmt, weil jedes Handeln aus einer bestimmten Welt-Sicht lebt und auf die Bewahrung oder Revision einer solchen Welt-Sicht aus ist. Nur wer blickt, kann auch handeln und jedes Handeln setzt seinerseits aus sich einen neuen Blick heraus.

Immer strömen äußere Bilder auf uns ein, kommen auf uns zu, schleichen sich ein oder drängen sich aggressiv auf. Werbung, Film, Atmosphären versuchen, unser inneres Bildreservoir anzusprechen, zu animieren, versuchen sich zu verbünden mit dem einen oder anderen ganz alten Bild oder der einen oder anderen Erinnerung unserer Lebensreise. Wo dies gelingt, sind wir ansprechbar - und wir sind es meist unterhalb der Kopflinie. Da werden die Bilder ohne unser Wissen gruppiert, verkoppelt, gemischt und mit Bedeutung versehen. Wie die Bilder von außen in uns hineinkommen, kommen sie von innen heraus. Wir legen unsere inneren Bilder über die Realität, projizieren sie nach außen, vergleichen sie mit anderen oder erwecken sie in unseren Träumen zum Leben. Zum Teil kommen diese inneren Bilder von altersher, aus der Erfahrung der Menschheit, sogenannte Archetypen, zum Teil auch von gestern, von der Begegnung an der Straßenecke.

Was wir damit machen, liegt an uns. Ich habe versucht, Ihnen etwas von meinem Blick zu zeigen. Meine Hoffnung, daß ich Sie damit angeblickt habe, drückt sich in dem folgenden und letzten Zitat aus:

"Ohne mein Bild von dir kann ich dir nicht begegnen.
Ohne mein Bild von mir kannst du mir nicht begegnen.
Aber du und ich - wir werden neue Bilder über die
alten malen. Denn jede Begegnung verändert uns."

Jo Krummacher
Bilderbogen



powered by editus 4.0 | letzte Änderungen: 2.3.2010 16:44