Prof. Klaus Hesse
studierte Fotografie und Typografie.
War als Art Director u.a. in den Werbeagenturen
Ogilvy & Mather und GGK tätig.
1988 gründete er mit seiner Frau Christine die Hesse Designstudios in Düsseldorf.
1993-1999 Professor für Kommunikationsdesign in Dortmund,
seit 1999 Lehrstuhl für Angewandte Gestaltung an der HfG Offenbach.
Mitglied des Art Directors Club für Deutschland
und des Type Directors Club of New York.
Die Hesse Designstudios sind spezialisiert auf die Entwicklung von Markendesign, Interface- und Internetdesign, Orientierungssysteme, Innenarchitektur und Ausstellungsdesign.
Auftraggeber: u.a. Allianz Versicherungs AG, Audi AG,
Bewag Berlin, Design Zentrum NRW, Dekra, Deutsche Lufthansa, o.tel.o, Handelsblatt-Gruppe und die Landeshauptstadt Düsseldorf.
Über 70 internationale Preise und Auszeichnungen.

http://www.hesse-design.de


Prof. Klaus Hesse, Düsseldorf
Farbe und Identität -
Das neue Corporate Design
der Landeshauptstadt Düsseldorf



Die Teilnehmer des 9. Forums Entwerfen werden sich über die nachfolgenden Zusammenfassungen meines Vortrages sicherlich wundern, weil ich ihn in dieser Form nie gehalten habe. An den Abbildungen und am Ablauf hat sich nichts geändert, aber der Text hat in der nachträglich schriftlich verfassten Form naturgemäß an Dichte und inhaltlicher Präzision gewonnen.
Zwischen freier Rede und dem geschriebenen Wort liegen immer noch ein paar Gedanken mehr auf dem Weg, die es lohnt aufzulesen. Ich bitte, dies zu berücksichtigen und zu entschuldigen.

Es ist ein mühsamer Weg von Erkrath nach Rotis. Wer hier hinkommt, hat eine besondere Motivation. Obwohl ich Otl Aicher nur vom Hören sagen und aus seinen Büchern kenne, ist er einer meiner wichtigsten Lehrer geworden. Allerdings sind meine Arbeitsprinzipien und meine Gestaltungsergebnisse nicht mit denen von Aicher vergleichbar. Zwischen uns liegen ein paar Generationen und die digitale Revolution. Von Aicher lernen bedeutet denkend zu gestalten oder gestaltend zu denken. Es geht darum, ausgehend von selbstgesteckten Zielen, sinnliche Ausdrucksformen mit einem möglichst hohen Gebrauchsnutzen zu finden. Dies ist trotz oder besser wegen der Digitalisierung und der darauf folgenden Eruption der Unterhaltungskommunikation aktueller denn je.

Im ersten Teil des Vortrages zeige ich Charts aus unterschiedlichen Auftragspräsentationen, die die Rolle der Farbe im Corporate Design thematisieren. Danach stelle ich das neue Erscheinungsbild der Landeshauptstadt Düsseldorf vor, wo Farben eine ebenfalls tragende Aufgabe zu erfüllen haben.

Farbe und Identität bedingen sich. Es gibt keine Institutionen, Unternehmen, Marken oder Individien, die nicht über Farbe zu identifizieren sind. Die Farbe gehört zur Identität wie der Geruch zum Essen. Farben vereinfachen die Wiedererkennung und bestimmen maßgeblich das Klima der Kommunikation. Die einen nennen das "Hausfarbe", andere nennen es "Lieblingsfarbe" oder wie in diesem abgebildeten Fall "Nationalfarbe".
Eine Umfrage von Hesse Design aus dem Jahre 1995 bei den Top 100 der deutschen Wirtschaft ergab, dass Blau mit weitem Abstand die Markenlandschaft dominiert. Im Gegensatz zur Volksmeinung nutzen Unternehmen oder Marken das Farbangebot besser aus. Der Abgrenzungsbedarf ist durch die Marktsituation größer als beim Ottonormalverbraucher.
Der Mensch sucht sehnsüchtig nach einer Objektivierung der Farbwirkung. Wir wünschen uns, dass Rot oder Blau einen feststehenden, am besten "nachzuschlagenden" Eindruck hinterlassen. Bisher war noch kein Wissenschaftler dazu in der Lage, uns exakte Erkenntnis darüber zu liefern. Zu stark sind äußere Abhängigkeiten: Lichtstärke, Raumsituation, Farbvolumen, Ergänzungstöne sowie die individuelle Gemütsverfassung und soziokultureller und geografischer Hintergrund bestimmen gemeinsam über die höchst temporäre Wirkung von Farben. Jeder Versuch der Verwissenschaftlichung endete in der Nähe von Scharlanterie. Die Farbe gehört den Künstlern und Denkern.
Die Worte derer, die es wissen müssten, weisen so viele Gemeinsamkeiten wie Unterschiede auf. Die Grenze der Sprache ist nur eine von vielen Hürden, die einer objektiven Wirkungsanalyse von Farben im Wege stehen.
Mit Schrift wird dieses harmlose Grau recht vielversprechend:
DaimlerChrysler hat es durch die Entwicklung eines eigenen Schriftfonts geschafft, auch ohne Stern wiedererkennbar zu sein.
Aktualität und Konstanz stehen bei der Deutschen Telekom in einem anregendem Wechselspiel. Die Marke wird unabhängig von der jeweiligen Farbproportion wiedererlebt.
Die Farbmodelle in der oberen Reihe sind einwandfrei bekannten Marken zuzuordnen. In der unteren Reihe wird es schwieriger. Zuviel Zufall verwässert das Markenbild.
Das klassische 4c-Farbmodell ist für die systematische Suche nach einem neuen Blau hilfreich und realistisch. Nur über die Nuancierung der Grundtöne können sich Unternehmen und Marken noch differenzieren.
Der Gestalter braucht keine Angst vor Farben zu haben. Er kann kaum etwas falsch machen. Farben sind immer schön und identitätsstiftend. Farben sind wichtige Identifikationsmerkmale und bieten gute Möglichkeiten zur Abgrenzung und Aktualisierung von Marken.
Wir leben auf einer Kugel, die sich um die Sonne dreht und dabei unablässig Wolken produziert. Die Wirkung von Farben ist nicht einfrierbar. Mit viel Disziplin erreicht man eine hohe Ähnlichkeit, aber nie eine hundertprozentige Übereinstimmung. Hinzu kommt, dass die vielfältigen Anlässe, Wünsche und Ziele immer wieder neue Verhältnisse zwischen Fläche, Volumen, Licht und unmittelbarer Umgebung provoziert. Für die Entwicklung von visuellen Erscheinungsbildern ist Farbe eines der wichtigsten Instrumente zur Identitätsbildung und zur Differenzierung von Kommunikationsinhalten nach innen und außen. Die psychologische Wirkung kann dabei vollkommen außer acht gelassen werden, wenn die Gestalter grundsätzlich einen inhaltsbezogenen, kommunikativen und angemessenen Weg eingeschlagenhaben. Natürlich können durch Gedankenlosigkeit, übersteigerter Selbstliebe oder sogar Boshaftigkeit - besonders bei der Raumgestaltung - inakzeptable Situationen entstehen. Dies ist wohl allzuhäufig der Normalfall, aber ist auch bar jedes professionellen und kulturverantwortlichen Hintergrundes.


Das neue Corporate Design für die Landeshauptstadt Düsseldorf

Am 30. Mai 2000 entschied einstimmig eine hochkarätige Jury, deren Mitglieder aus dem Düsseldorfer Oberbürgermeister Joachim Erwin, hohen Verwaltungsbeamten, Vertretern aller Parteien und aus namhaften Designprofessoren - wie Uwe Loesch, Helfried Hagenberg und Erik Spiekermann bestand, - für den Vorschlag von Hesse Design. Neben Hesse Design präsentierten noch sieben andere Düsseldorfer Agenturen und Designbüros. Der Jury gefiel nicht nur der Logoentwurf am besten, sondern auch die ganzheitliche und bürgernahe Umsetzung des Konzeptes.

Die Ziele der Neuentwicklung:

- Geschlossener Auftritt des "Unternehmens Stadtverwaltung" unter einem Zeichen
- Sympathisches und freundliches Erscheinungsbild, das den kulturellen Veränderungen entspricht
- Fortbildung des Dienstleistungsverständnisses und der
Verwaltungskultur
- Effektive Kommunikation mit den Bürgern und innerhalb der
Stadtverwaltung
- Stärkung der Identifikation der Mitarbeiter
Arbeitserleichterungen durch eine optimale Anpassung an die digitale Büroarbeit.

Der städtische Briefbogen auf schmutzig grauem Recyclingpapier droht mit der typografischen Verbeamtung. Der Empfänger muss mindestens vier Hierarchiestufen überwinden, bevor er zum eigentlichen Absender gelangt. Die Ämter schmückten sich zusätzlich noch mit eigenen Logos oder Wortmarken. Das Recyclingpapier schont Ressourcen, aber nicht die Umwelt. Der chemische Aufwand ist um ein Vielfaches höher als bei der üblich gewordenen chlorfreien Papierproduktion. Die Informationsbroschüren des Stadtmarketings müssen ohne Identifikationsmerkmale auskommen. Die Postkartenshow im Plattenbau-Layout ist informativ, aber nicht merkfähig.

Die besonderen Lichtstimmungen, verursacht durch die unzähligen und ausholenden Krümmungen des Rheins zwischen Kaiserswerth und Benrath, haben zu Beginn des 17. Jahrhunderts viele Portrait- und Landschaftsmaler nach Düsseldorf gelockt. Dies führte nicht nur zur Gründung der international hochangesehenen Düsseldorfer Kunstakademie, sondern förderte auch die weltweite Geltung der ansässigen Mode- und Werbewirtschaft. Das neue Logo der Landeshauptstadt Düsseldorf dient als Standortskizze für Haltung und Lebensart. Der Verlauf des Stroms verschwimmt mit den Lichtreflektionen der Wasseroberfläche. Düsseldorf bekennt sich mit diesem Zeichen zur Schönheit der Farben und freien Formen.

Ein achtstimmiger Farbkanon dient als "Hausfarbe" der Landeshauptstadt und entspricht den vielen Facetten der städtischen Kultureinrichtungen oder dem breiten Dienstleistungsangebot der Stadtverwaltung. Das vielfarbige Corporate Design im Stadtbild und in den Medien kann sich nicht abnutzen und bietet neue Möglichkeiten der Differenzierung. Bunt ist nicht nur schöner und vitaler, sondern wie in diesem Fall auch praktischer.
Nach außen bewahrt Düsseldorf Konstanz. Das blaue Logo mit dem Landeshauptstadt-Schriftzug repräsentiert Düsseldorf in der Welt. Innerhalb von Düsseldorf wird weitgehend auf diesen Schriftzug verzichtet. Bei der Kommunikation zwischen Bürger und Stadt steht der jeweilige Absender der Verwaltung im Mittelpunkt, um die Kommunikation zu vereinfachen. Die wechselnden Farben erleichtern die Orientierung und bestätigen die eigene Identität der jeweiligen Verwaltungseinheiten.

Das Logo, die Farben und die Schriften bilden die Basiselemente des Corporate Designs für Düsseldorf. Die nachfolgenden Gestaltungsbeispiele vermitteln einen ersten Eindruck über die medienspezifische und inhaltliche Anwendung des neuen Erscheinungsbildes. Dabei kommt das Zeichen nicht nur als klassische Wort- und Bildmarke zum Einsatz. Wo es sich anbietet und angemessen erscheint, kann das neue Logo ausschnittsweise zitiert werden und das Medium dominieren.

Die Entscheidung der Jury wurde von allen nachfolgenden Gremien der Stadtverwaltung und des Rates ohne Gegenstimmen genehmigt. Das Konzept befindet sich jetzt in der Umsetzungsphase. Die Düsseldorfer Presse nahm das neue Logo mit gemischten Gefühlen auf. Für das "kundennahe" Konzept hat sich kaum eine Tageszeitung interessiert. Wichtiger war die Bedeutung des neuen Zeichens und die Veränderungen am Stadtlöwen. Zustimmung und Ablehnung hielten sich die Waage. Die krampfhaften Bemühungen der Boulevardpresse ein Haar in der Suppe zu finden ebbten rasch ab. Realisiert wurden bereits die Benutzerführung des Internet-Portals sowie ein Messeauftritt in Chicago, die Geschäftsausstattung der Ratsmitglieder, Informationstafeln für das Umweltamt, eine Neubürgerbroschüre, eine Mitarbeiterzeitschrift und interne Informationsbroschüren. Zu unserem ersten Konzeptentwurf haben sich bisher lediglich zwei Farben verändert. Ansonsten scheint es so, als würde das Konzept so realisiert wie vorgeschlagen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.



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