M. Alessandra Dylla
Seit 1986 eigenes Architekturbüro in München.
Sie beschäftigte sich mit Wohn-, Büro- und Industriebau, Innenausbau und Möbeldesign sowie Farbberatung.
Seit 1995 firmiert sie unter dem Namen Corporate Architecture und meint damit ein Architekturkonzept, das mit Hilfe verschiedener Techniken auf die Vitalisierung von Räumen und Gebäuden abzielt und gleichzeitig die Corporate Identity des Unternehmens zum Ausdruck bringt.
Architektur bedeutet für sie Raum als Schnittstelle zwischen Geist und Materie.
Seit 1999 veranstaltet sie Firmenworkshops zur Corporate Identity und Corporate Architecture.
1997/98 machte Frau Dylla mit einem Bauprojekt im niederbayerischen Massing von sich reden. Dort setzte sie sich mit einem ungewöhnlichen Bebauungsplan für ein neues Wohngebiet durch, in dem Feng-Shui-Prinzipien ebenso Berücksichtigung fanden wie die Lage von Wasseradern und Erdstrahlen.


Corporate Architecture und Farbe



Mein Weg zur Farbe

Eine Triebfeder, damals Architektur zu studieren, ging bereits daraus hervor, dass ich unsere Umgebung so triste und trüb, so grau und farblos empfand. Was konnte Architektur lebendiger machen, was vitalisieren? Zunächst dachte ich, ich müsse mit freien Formen arbeiten, die sture Rechtwinkligkeit und eintönige Gradlinigkeit verlassen.

Nach sechs Jahren Berufsleben, was sich durchaus als erfolgreich und anspruchsvoll gestaltet hatte, kam auch ich an die Schallgrenze der ‚Normalarchitektur’; Architekten, die ja in mitten der begrenzt haftbaren GmbHs die einzig persönlich Haftenden sind, blieben regelmäßig aus purer Angst vor Kälte- und Schallbrücken, Kostenexplosionen oder Terminpleiten, im toten Netz der DIN- und VOB-Vorschriften hängen; die Essenz der Architektur, das Künstlerische, das Bewegende, das Witzige, das Eigentliche blieb immer wieder auf der Strecke; das war es nicht, wofür ich angetreten war.

Sinneswahrnehmung

Auf der Suche nach dem Gesamtkunstwerk, nach echter Kultur war ich sogar bereit, die geliebte Architektur zu verlassen, und erhielt durch Zufall ein Volontariat für Bühnenbild und Theatermalerei; Gott sei Dank trat ich es nie an, sondern bekam die Projektleitung für ein Schulzentrum, fast ein Kleines Dorf angeboten, was sich bald als wegweisend für mich herausstellte, erstens konnte ich mit freien Formen arbeiten und zweitens kam ich nun mit dem Thema Sinneswahrnehmung in Berührung.

Die Wahrnehmung unserer Sinne und gleichzeitig ihre Schulung und Belebung scheinen mir bis heute wichtige Schlüsselreize zur Vitalisierung von Architektur.

1991 waren es die Farben, mit denen ich zunächst Architektur mit Sinnen, Architektur mit Sinn zu verwirklichen trachtete.


Wahrnehmen und Untersuchen

Die Herangehensweise, nämlich zu beobachten, wahrzunehmen und zu analysieren, entledigt mich gleichzeitig der umstrittenen ‚Esoterik’ und damit der Glaubensfrage, also unnötiger Streitereien. In allen meinen Vorträgen und Seminaren schlage ich daher vor, auf das Wort ‚Glaube’ und ‚glauben’ zu verzichten und es stattdessen zu ersetzen; Umschreibungen wie ‚für möglich halten‘ oder ‚in Betracht ziehen’ ermöglichen weitaus mehr eine Ebene der Untersuchung und damit das Erlangen von Erkenntnissen und Ergebnissen.


Hugo Kükelhaus
Ein Altmeister der Wahrnehmung ist Hugo Kükelhaus, der damals noch lebte. So hatte ich noch Gelegenheit, bei ihm ein Seminar zu besuchen. Sein Vermächtnis ist meines Erachtens bis heute nicht eingelöst. Als Betreiber eines Studiums Generale hat er sich auf dem naturwissenschaftlichen Sektor ein hohes Maß an Allgemein- wissen angeeignet und arbeitete hauptsächlich für Krankenhäuser und Schulen. Kinder lagen ihm sehr am Herzen. Ihre Entwicklung sah er durch die ‚in Ausführungszeichen’ moderne Architektur stark gestört, da sie keinen Raum ließ, die Sinne umfassend zu erfahren.

Seine zahlfältigen Forschungen lassen sich auf einen Nenner bringen, nämlich Vielfalt und sorgfältige Ergänzung durch Gegensätzliches. Damit ist für mich bereits der erste wesentliche Ansatz, Farbe zu verwenden, formuliert: Erfüllung von Wahrnehmung und Bereicherung durch die Belebung der scheinbaren Widersprüche, so wie hell und dunkel, kalt und warm, rauh und glatt, hart und weich.


Lebendige Naturauffassung

Der zweite Ansatzpunkt lebt für mich in einer sehr lebendigen Naturauffassung, basierend auf dem alten indianischen Weltbild. Indianer gehen davon aus, daß die Erde ein Lebewesen ist, die Mutter Erde. Ich nenne dies meinen ‚Indianertick‘, den ich nun wirklich nicht einem Normalmenschen abverlangen kann.

1985 packte er mich auf einer Amerikareise, als ich Los Angeles zum Auswandern kennen lernen wollte, konnte ich doch in Bayern nicht mit meinen Formen ‚landen‘. Der Moloch L.A. gefiel mir nicht – stattdessen schlug mich die Vergangenheit Amerikas, seine Vorfahren in ihren Bann. Dies ist bis heute geblieben, nur versuche ich den update, die ‚Industrialisierung des urwüchsigen Denkens’.

Nach und nach bekam ich einen Zugang zu der Wesenhaftigkeit von Bäumen, Pflanzen, Steinen und Tieren. Es liegt daher nahe, daß ich versuche, auch im gewerblichen Bereich mit Naturfarben zu arbeiten. Am deutlichsten verwirklicht sich dieser Ansatz jedoch bisher in Bebauungsplänen.


Bebauungspläne

Der bekannteste war der erste im niederbayerischen Massing. Vier Jahre gab es dort einen Bebauungsplan, der sich nicht verkaufen ließ. Nach einer radiästetischen Untersuchung des betreffenden Geländes und der Neugestaltung des Bebauungsplanes, waren innerhalb von fünf Wochen die Hälfte der Parzellen des ersten Bauabschnittes reserviert.

Es kauften keine abgehobenen Spinner, sondern ortsansässige, bodenständige Bürger. Dies machte Schule; Thurn und Taxis lud mich für einen ähnlichen Fall ein, doppelt so groß, nämlich 16 Hektar. Es folgten Burgkirchen als Wettbewerb und Scheinfeld mit 24 Hektar in Franken zwischen Nürnberg und Würzburg.

Interessant ist, daß es sich um durchaus konservative Auftraggeber handelte. Der Mut zur Innovation wurde sicherlich durch die Erwartung eines besseren Marketings und besseren Erlöses gespeist. Doch genau das ist für mich durchaus wünschenswert. Die Arbeit für die Erde wird oft als Entsagung begriffen – man müsse sparen, um die Erde zu schützen; vielleicht nicht! Laut Indianern nährt uns die Erde – wir müssten sie nur richtig behandeln. In diesen Kontext stelle ich also auch die Farbe.


Entwicklung

Der dritte Kontext, in dem ich meine Arbeit stelle, ist für sich vielleicht der wichtigste; auf ihn läuft alles hinaus - es ist das Thema Entwicklung; in ihm suche ich die CI, die Corporate Identity - und aus meiner Sicht, ich bin ja Architektin - die Corporate Architecture. Danach habe ich auch mein Büro benannt.

Als ich für kleine und mittelständische Unternehmen Industriegebäude entwerfen sollte, fragte ich mich, was diese Firmen ausmacht, woher sie kommen, wo sie stehen, wohin sie gehen, was ihre Identität, ihre CI ist. In Deutschland ist dieses Thema kaum bekannt, bzw. man ist sich dessen kaum bewusst. Aber auch bei größere Firmen gibt es dazu bis heute kaum einen Zugriff. Also auch hier Pionierarbeit.


Potential

Das Potential von Menschen interessiert mich seit langem; natürlich auch mein eigenes; wenn ich selbst nicht daran arbeitete, könnte ich diese Arbeit nicht wirklich vermitteln. Was mich glücklich macht oder zutiefst befriedigt, ist, Menschen ”in die Schuhe” zu bringen: was steckt hinter einem Menschen, wo leuchten seine Augen, was ”kitzelt” ihn - ihn da hinein zu leiten, was ihn wirklich inspiriert, das ist mein Job.


Firmen- und Städteprofil

Unglaublich interessant, dies für Firmen und Städte vorzunehmen - gleich einem Persönlichkeitsprofil - ein Firmen- oder Städteprofil zu erstellen. Siehe die Stadt Neutraubling, in der ich einen Bebauungsplan entwerfen konnte - eine Flüchtlingsstadt, deren Knappheit, Kargheit und Heimatlosigkeit an ihrer Form ablesbar ist. Als Nachkriegskind ’vertriebener’ Eltern hat mich das persönlich sehr berührt.


Schnittstelle zwischen Geist und Materie

Architektur begreife ich als Schnittstelle zwischen Geist und Materie. Mich interessiert die Form, in der sich eine bestimmte Geisteshaltung, ein geistiges Klima oder eine Vergangenheit, das, was früher passiert ist, zum Ausdruck bringt. Ein uferloses Thema, in dem ich mich - auch wenn ich bereits darüber Vorträge und Seminare halte - weiterhin als Schülerin begreife.


Kreative Zukunft

Wenn ich nach der Manifestation der Vergangenheit suche, heißt das nicht, dass die Zukunft keine Rolle spielen würde - im Gegenteil! Natürlich ist man zunächst versucht, die CI, die Corporate Identity, im privaten Bereich nach dem persönlichen Geschmack auszurichten: was gefällt mir, was ist meine Lieblingsfarbe? Das persönliche Potential zu erfassen, entsteht für mich jedoch aus der Frage: ”Wer will ich sein?”, und nicht wer oder was ich war?

Natürlich tut es gut, zu wissen, was mich geprägt hat; es ist nützlich, es zu isolieren und aus einer gewissen Distanz anzuschauen; ich verstehe dann, warum ich so und nicht anders bin und aus welchem Kontext heraus ich handle. Der Kontext ist wandelbar; eine solche Auffassung trägt dazu bei, mich nicht als die Wahrheit zu begreifen, die unumstößlich und unwiderruflich sei. Ein Ansatz, in eine dynamische Bewusstheit zu gelangen.

Firmen händeln ihre Farbkonzepte oft aus den Spuren einer übernommenen Firmengrafik, natürlich ist es auch nicht schlecht zu wissen, woher die jeweilige Firma kommt, steckt doch eine gehörige Portion Erfolg dahinter, die Tradition, das Know-how, die Basis eines Unternehmens. Hier weiterzugehen - darin liegt für mich der Ansatz, in eine Bewusstheit für das Leben überhaupt hinein zukommen, einen wachen Lebensentwurf zu kreieren und zwar sowohl für die Firma als Ganzes als auch für die einzelnen Mitarbeiter als Einzelpersonen.


Lebensentwurf

Zunächst einmal klingt es sehr anstrengend. Jeder, der sich von mir beraten lässt, erhält erst einmal einen ausführlichen Fragebogen zu seinem Leben; zunächst die Untersuchung des Ist-Zustandes, seine Bewertung, und darauf liegt der Focus: die Ideen für die Zukunft, der Entwurf für das weitere Sein.

Dies gilt es möglichst konkret für die einzelnen Lebensbereiche zu zeichnen, jeweils mit den dazugehörigen Werten, Qualitäten und - daraus entwickelt - die jeweiligen Ziele. Bei Firmen empfehlen sich hierzu Workshops mit ausgewählten Mitarbeiter-Teams. Damit bewege ich mich nicht mehr, wie so viele Werbeagenturen einfach in der Schiene des Zeitgeistes, sondern manchmal auch außerhalb des Zeitgeistes.


Entwicklungsprozess

Mich interessiert, was dahintersteckt, was die wirklich tragende Quelle einer Firma ist. Woher kommt sie, was will sie ablegen, was behalten; wohin soll die Entwicklung gehen. Daraus die CI und das CD, das Corporate Design und damit die Farbgebung zu entwickeln, erfordert Mut, liefert jedoch gleichzeitig das, was sich jeder wünscht, nämlich auch eine Besonderheit, eine Einmaligkeit.

Daß dies nicht einfach einzukaufen ist, sondern einen gemeinsamen Prozess darstellt, ist den meisten Menschen in der konsumorientierten Welt nicht geläufig. Solche Konzepte lassen sich nicht einfach bestellen und einkaufen, sondern entstehen nur in engem Kontakt mit allen Beteiligten, so gut wie nie als das einsame Ergebnis eines Designers, Künstlers oder Grafikers.

Wie wirken sich diese drei Ansatzpunkte, diese drei Standbeine auf die Verwendung von Farbe aus. Zunächst zum ersten Punkt der Sinneswahrnehmung.


Astronautentest

Um die Bedingungen von Astronauten zu testen, hat man den Versuch gemacht, Probanten einer Welt ohne jegliche Unterschiedlichkeit, ohne Reizung auszusetzen. Die Testpersonen wurden einbalsamiert, um die Reibung an der Hautoberfläche zu neutralisieren; Sie kamen in ein Wasserbecken, das genau ihrer Körpertemperatur entsprach.

Kein Licht und kein Laut. Es gab nichts mehr, was störte, scheinbar der Idealzustand; - nichts mehr wahrzunehmen, hieß jedoch in diesem Fall den Tod: der Versuch musste sehr schnell abgebrochen werden, da Halluzinationen auftraten, die Produktion der Blutkörperchen außer Kontrolle geriet. Die Versuchspersonen wären sonst gestorben.


Forderung der Sinne
Früher waren in der Tat die Sinne deutlich mehr gefordert als heute. So gab es nur einen einzigen warmen Raum, die Stube; ständig war man Temperaturdifferenzen ausgesetzt. Heute mit Zentralheizung, geheizten Autositzen, Anfahrt über Tiefgaragen, U-Bahntunneln und Liften, ist nicht nur das Temperaturempfinden ‚ausgebremst’, ja auch viele andere natürliche Empfindungen ebenfalls: Gleichgewicht, Gerüche, differenzierte Geräusche und eben das Farben-Sehen.

Was Farben angeht, leben wir in einer skurrilen Situation, nämlich einerseits einer Unterforderung - in der künstlichen Welt gibt es kaum feine Farben mit zarten Nuancen - andererseits einer Überforderung durch grelle Reize - aufdringliche Reklame, Blinklichter etc.


Harmonie

Bisher sind Wahrnehmungskriterien auf der ‚Bioschiene’ kaum berücksichtigt worden. Auf dieser Ebene arbeitet man lediglich gegen Gifte, gegen Energieverschwendung, eigentlich immer gegen etwas, meist auf der Ebene der Entsagung.

Sinneswahrnehmung kann eigentlich nur auf einer Ebene des Überflusses gedeihen, einer Ebene der Vielfalt und eben auch Gegensätzlichem. Der ursprünglich griechische Begriff Harmonie beschreibt nicht die Verbindung von Gleichem, sondern er meinte ausdrücklich die Verbindung von Gegensätzlichem auf harmonische Weise; dies wird als belebend und als Fülle begriffen.

Daher stellen die Kontraste einen wesentlichen Zugang zu einer lebendigen Farbwelt dar.
Albert Einstein

Lebendigkeit? Interessant ist, was Albert Einstein schrieb:

”Immerhin kann ich mich auf kein logisches Element berufen, um
meine Überzeugungen zu verteidigen, es sei denn mein kleiner Finger, alleiniger und schwacher Zeuge einer zutiefst verankerten Ansicht.”

Eigentlich habe ich nur meinen kleinen Finger, den ich fühlen kann; er ist Ausdruck meiner Person, alles andere ist Interpretation, gedacht, nicht wirklich sicher.

An dieser zitierten ‚herkömmlichen Auffassung‘ hat sich bis heute wenig geändert: Hauptsache der Kopf funktioniert, was der Körper fühlt, scheint nicht wichtig zu sein, zumindest was geistige Ergebnisse betrifft. Eigenartig ist nur, daß dem Körper in unserer Welt doch noch eine große Bedeutung zukommt, er muss gut aussehen, body gebuildet und gestylt sein. Dass eine geistige Entwicklung auch nur dann wirklich stattfinden kann, wenn es eine körperliche Entwicklung gibt, ist uns weiterhin fremd.


Goethe

Goethe sagt dazu:
”Dummes, aber vors Auge gestellt, hat ein magisches Recht, weil es die Sinne gefesselt hält, bleibt der Geist ein Knecht.”
Dieser knappe Satz sagt unglaublich viele Dinge. ”Dummes, aber vors Auge gestellt”, das, was ohne Bewusstheit gestaltet wird ”hat ein magisches Recht”; es ist offensichtlich sehr, sehr stark, denn es hält die Sinne gefesselt, die Sinne, die dem Körper zugeordnet sind; sie können sich nicht ausleben, es passiert gerade zu zwanghaft, magisch, da die materielle Umgebung in der Tat immer vorhanden ist. Da sie zu jeder Stunde, ja zu jeder Sekunde unweigerlich wirkt, hat sie ”ein magisches Recht, der Geist bleibt ein Knecht”: der Geist kann sich nicht entwickeln.

Von da aus kann man auch sagen, dass der Mensch eigentlich nur dann lebt, wenn es eine Auseinandersetzung, mit einer ihm entgegenstehenden Welt gibt, und erst im Umgang mit diesen Gegenständen erfährt der Organismus jene Inanspruchnahme, durch die allein erlebtes Leben möglich ist. Wichtig für mich ist die extreme Tragweite, da wir im allgemeinen mit Farben und Gestaltung lediglich eine Ebene des persönlichen Geschmacks meinen, nach dem Motto ”das gefällt mir, das ist gerade in Mode....”, also in keinster Weise das Ausmaß des Einwirkens der dinglichen Welt auf unseren Geist begreifen.

Schrecklich, wenn Leute zu mir sagen: ”Wir haben eine Architektin, die bei uns Büroeinrichtung macht und sagt: Steinböden werden jetzt gerne genommen, das ist in.” Kein Wort von der Sprache einer Architektur, der Aussage, die eine bestimmte Gestalt trifft oder eben nicht trifft. Kein Wort von der unglaublichen Verantwortung, die wir als Gestalter, als Architekten haben. Mit unserer Gestaltung kann sich ein Mensch völlig unterschiedlich erleben, eine Firma, ja sogar eine ganze Stadt.


Verantwortung des Planers

Ob eine Stadt mit 50.000 Einwohnern, wie Neutraubling, eine Kriegsvergangenheit ablegen kann, die Flucht und die erfrorenen Babys, die erschlagenen Menschen und diese ganze Scheußlichkeit, die wir ja auch heute noch im Fernsehen sehen können, ob eine Stadt das alles erlösen kann, hängt tatsächlich mit meiner Gestaltung als Städteplaner, zusammen.

Wenn ich dieser Stadt kein Zentrum gebe, wird sich hier nie mehr eine Heimat erfahren lassen, die Menschen zementieren buchstäblich ihre Vertriebenheit, ihre Heimatlosigkeit. Kommt noch eine Erschließungsstraße hinzu, die sehr gradlinig, nur tangentiell die Stadt berührt, wird keine Einladung ausgesprochen, es kann keine Heimeligkeit aufkommen. ‚Es pfeift durch‘.

Auch dieser Vorgang der Bewältigung ist wiederum ein Prozess bzw. kann nur in einer Prozesshaftigkeit stattfinden, d.h. es müssen sehr, sehr viele Menschen mitdenken und auch den Wunsch haben, Dinge zu erkennen und zu bearbeiten. Andernfalls wird sich die Straße nicht ändern, damit nicht die Stadt, damit auch nicht die Befindlichkeit der Menschen.

Hier zeigt sich die Schwierigkeit der Präsentation meiner Arbeit, sie lässt sich nicht einfach durch einen Diavortrag vermitteln. Das Eigentliche, das ich vermitteln will, lässt sich nicht durch Bilder zeigen.


Farbe geht vor Form
Nun konkret zur Farbe: Die im Vortrag gezeigten Bilder wollen nicht eine besondere Architektur oder Bauweise darstellen, sondern nur die Wahrnehmung schulen. Drei gleiche Häuser, erscheinen nicht gleich, wenn sie unterschiedlich gestrichen sind. Man sagt auch nicht, eines der Häuser sei ungepflegter, sondern das erste, das auffällt, ist: ‚das rote Haus‘. Das war das Schlimmste, was ich als Architekt begreifen musste: Farbe geht vor Form!


Johannes Itten

Itten drückt dies feiner aus:

”Die Form und die Farbe sind Gefäße des Jenseitigen, die wir ahnend schauen. Sowie der Laut dem gesprochenen Wort farbigen Glanz verleiht, so verleiht die Farbe einer Form den seelisch erfüllten Klang.”

Anfang der 90er Jahre veranstalteten wir viele Seminare für Villeroy & Boch. Man erzählte uns: selbst bei einem reduzierten Artikel, einem Sonderangebot, kaufe der Kunde nicht, wenn ihm die Farbe nicht gefällt.

Die Farbe hat eine ganz große Bedeutung. Nur wir als Gestalter, zumindest wir Architekten sahen das bisher nicht. Bis heute ist Architekten nicht bewusst, dass die Farbe das erste ist, worauf sich unsere Wahrnehmung richtet. Wenn ich vier mal den gleichen Raum zeige, jedoch jedes Mal in einer anderen Farbe, so entstehen völlig unterschiedliche Raumempfindungen, jeweils ein völlig unterschiedliches Klima.


Farbe wirkt ganzkörperlich

Diese Wirkung ist sehr stark und zwar ganzkörperlich. Farbe wirkt, ohne dass ich sie sehe! Selbst mit geschlossenen Augen und blind nehme ich Farbe war. Selber kann man dies mit Bettwäsche austesten: rote Bettwäsche und blaue Bettwäsche. Bei der ersten tun Sie kein Auge zu, was doch möglicherweise zu zweit ganz interessant sein kann, bei letzterer schlafen sie gut, uninteressant, aber ruhig.

Somit ist es nachvollziehbar, daß vor Farben eine gewisse Scheu besteht. Vermutlich hat jeder schon einmal versucht, sein eigenes Zuhause oder seine Kleidung besonders farbig zu gestalten und hat einen Misserfolg einstecken müssen. Man sollte doch ein wenig die Farbgesetze kennen. Im Moment herrscht immer noch die Einstellung, Wände weiß zu streichen, gar nicht mit Farbe zu arbeiten, oder sehr zurückhaltend mit Farben zu sein. Eigentlich ist die Farbe, trotz kleiner zwischenzeitlicher Moden seit langem komplett aus der Architektur verschwunden.


Rotlichtversuch

Im Schlüsselversuch zur Farbwahrnehmung sehen Sie drei Minuten lang auf eine rote Fläche. Beobachten Sie Ihre Reaktion, wenn Sie anschließend die rote Fläche entfernen und auf einen weißen Hintergrund schauen. Was Sie sehen, ist die Komplementärfarbe. Erstaunlich ist nur, dass wir unterschiedliche Interpretationen haben. Die einen sagen ”Grün”, die anderen ”Blau”, die nächsten ”Türkis”. Man kann sich also immer über Farben streiten oder nie. Dieser Rotlichtversuch funktioniert allerdings mit jeder anderen Farbe auch.

Wir sehen ja nicht Farbe direkt. Bis wir Farbe sehen, laufen verschiedene körperliche Prozesse ab, und es muss vor allem interpretiert werden. Also ist Farbsehen abhängig von der eigenen Assoziation und dann oft, psychologisch gesehen, von der eigenen Kindheit. Die jeweilige Kultur, in der der Betrachter lebt, spielt selbstverständlich ebenfalls eine große Rolle.


Interpretation der Farbe

Dies machte mir ein Erlebnis bei afrikanischem Tanz sehr deutlich: Wir sollten Farben in bestimmten Gruppen tanzen. Der Trainer, ein bekannter afrikanischer Tänzer, ließ uns die Farben rot, blau, gelb tanzen. Wir wussten nicht, welche Gruppe uns welche Farbe vortanzte, auch der Trainer nicht. Es gab jedoch bei allen Farben eine Übereinstimmung in der gemeinsamen Deutung.

Nur bei einer Farbe gab es Missverständnisse, aber nicht zwischen uns Deutschen, sondern zwischen den Deutschen und dem Afrikaner. Er sah nämlich die Farbe blau völlig anders als wir. Blau gilt bei uns eher als etwas Ruhiges, Intellektuelles, Kopfgesteuertes. Er sagte jedoch: ”Blau ist für mich der Kriegsgott”, etwas Aggressives, was wir bei uns wiederum eher mit Rot oder Orange assoziieren würden.

Vermutlich hängen diese Interpretationen nicht nur mit Unterschieden der Kontinente zusammen, sondern auch mit Eigenheiten von Landstrichen und Regionen. Somit ist Farbsehen immer individuell und subjektiv. Auch bei Profis gibt es kein objektives Farbsehen oder gar ein Farbgedächtnis. Daher die Notwendigkeit von Farbsystemen wie NCS.


Komplementärfarbe

Eine weitere Schlussfolgerung aus dem ”Rotlichtversuch” kann man fast als Trick anwenden, nämlich: verwende immer auch die Komplementärfarbe! In dem Moment, wo ich die Komplementärfarbe und wenn auch nur in kleinen Quantitäten mit dabei habe, kann ich fast nichts falsch machen. Das erscheint manchmal etwas komisch: Der Einsatz von Gelb, das ja als Pastellgelb eine breite Akzeptanz hat, verlangt dann z.B. noch ein bisschen Lila oder Lavendel. In gewerblichen Räumen erst einmal ungewöhnlich, kann dies jedoch, wohldosiert, sehr elegant wirken.


Mit allen Farben arbeiten

Der zweite Trick wäre, immer mit allen Farben zu arbeiten – Das Auge, seine Zäpfchen und Stäbchen wollen in ihrer Gesamtheit beschäftigt werden, sonst würde sich das Auge bei einseitiger Belastung nicht einfach etwas erfinden. Als Augenfarben gelten die Farben Orange, Lila und Grün; im Farbkreis genau dazwischen liegen die drei Primärfarben, Magenta, Cyan und Gelb.

In dem Moment, in dem ich alle drei Primärfarben verwende, schwingen auch alle drei Augenfarben mit, das Auge ist dann komplett gefordert und nicht nur einseitig belastet. Natürlich sollen die anderen Farben nicht in gleichem Umfang oder genau an der gleichen Stelle auftauchen; es langt eine kleine Information oder die Anwendung im nächsten Raum oder Flurabschnitt, also eine mögliche Wahrnehmung im Bewegungsablauf nach kurzer Zeit.


Kontraste

Die Kontraste ergeben sich schon aus der Definition von Harmonie, die Verbindung von Gegensätzlichem. Es lohnt sich, mit ihnen auch tatsächlich zu arbeiten. Den Komplementärkontrast habe ich schon im Rotlichtversuch angesprochen.

Mit ihm und gleichzeitig einem Kalt-Warm-Kontrast eröffne ich mein eigenes Büro: ein tiefes Brombeerrot mit Gold im Kontrast zu meiner CI-Farbe Petrolgrün. Ich arbeite also durchaus mit Vollton. In großen Büros war dies bisher schlecht unterzubringen, zu groß war die Furcht vor kritischen Reaktionen.


Vollton

Oft kommt die Zustimmung zu einem Vollton erst dann, wenn etwas schief gegangen ist: Der Teppichleger hat den Kleber an die Wand gebracht, er lässt sich einfach nicht mehr wegbringen. Der Bauherr hatte sich schon an die anderen Töne, also an Farbe gewöhnt. Jetzt gibt er das Okay zum Vollton. Von vornherein Vollton zu streichen, gelingt mir oft nur in Teeküchen oder Kopiernischen, also an untergeordneten Stellen.

In einer Apotheke in Dachau gegenüber der S-Bahn, belebt ein Kalt-Warm-Kontrast mit hellblau an der Decke und einem hellbraunen Boden. Hier haben wir auch ganz schlicht den Farbe an Sich Kontrast – jeder Bereich wird durch eine Farbe signalisiert. Die Stimmung ist Frühling ähnlich. Die Apotheke heißt auch Frühlingsapotheke. Ähnlich aber mit einem ganz anderen Klima arbeitete ich in einer Kieferorthopädiepraxis in München-Pasing.


Farbe kann heilen

Interessant war auch die Zusammenarbeit mit Dr. Stenzl, der eine indische Farbheillehre anwendet. So kombinierten wir z.B. Limone mit Türkis, zwei Farben, die die Widerstandskraft des Körpers stärken. Da Limone in unserem Kulturkreis selten vorkommt, ist es um so wichtiger, sie unbedingt unterzubringen.

Zunächst einmal für uns Deutsche ungewohnt, suche ich nach Nebenräumen, die dennoch oft aufgesucht werden, z.B. WC’s. Gerade in Innenräumen, die nicht natürlich belichtet sind, wirkt sie trotz Nebenraum, sehr erfrischend. Sie ist allerdings oft schwer zu streichen und vor allem als Grundfarbe schwer zu mischen, da sie leicht schmutzig und neonhaft wirken kann. Das versuche ich natürlich zu vermeiden.
Vergrößerung des Raumes

Interessant waren die Reaktionen der Patienten auf die neugestrichene Praxis, die alte Praxis war sozusagen ”eingegangen”, weil es zu wenig Patienten gab. Sie war zuvor in braun und oliv gehalten, jetzt in Türkis, Vanillegelb, schimmernd in Metallicgrün, natürlich Limone, aber auch Malve und Hellblau; die Zustimmung der Patienten war groß. Einige fragten, sogar, ob angebaut wurde. Alles wirkte offensichtlich größer.

Das war insofern eine Leistung, als ich das Oliv der Einbaumöbel beibehalten mußte, zu groß wären die Kosten für eine Veränderung hierfür gewesen. Das hieß für mich, jeden Ton auf dieses schrecklich drückende Oliv abzustimmen. Ein komplett neues Farbkonzept zu schaffen, ist ja geradezu einfach; aber ungeliebte Farben zu integrieren, ja geradezu durch die neue Umgebung zu kultivieren, darin steckt vielleicht die eigentliche Leistung.


Licht

Wichtig ist für mich, Farbmuster immer vor Ort anzusetzen, möglichst mit dem zukünftig geplanten Licht. Bei einem Ingenieurbüro in Wuppertal setzten wir zunächst die Farbmuster in München an und transportierten sie anschließend ins Ruhrgebiet. Ich erhielt einen erstaunten Anruf, sie hätten doch im Ruhrpott sowieso schon grauen Himmel, warum ich ihnen ein Grau geschickt hätte. Ich protestierte natürlich energisch, selbstverständlich hatten wir ein hellblau gemischt, natürlich kein Miami-Blau sondern ein Bayrisch-Blau mit etwas Grau, aber eben doch hellblau. Der persönliche Besuch jedoch schockierte auch mich, das gleiche Blau erschien dort grau.

Das gleiche kann passieren, wenn bei einem Umbau nicht nur die Farben, sondern auch die Beleuchtung geändert wird. Manchmal verzögert sich dann die Farbbemusterung nur deswegen, weil ich dazu unbedingt auf das neue Licht bestehe.

Nun haben sie dort ein fast karibisches Farbkonzept, das den grauen Himmel vergessen lässt. Mitarbeiter wie Chef’s fühlen sich wohl. Allerdings, und das war für alle Beteiligten zunächst ungewohnt, erfolgte mit der neuen Farbgebung auch ein Coaching der Mitarbeiter. Nach einigen Probegesprächen bekam ich damals den Auftrag mit allen Mitarbeitern Coaching-Gespräche zu führen. So wurden viele Unzufriedenheiten und lähmende Gedanken gleichzeitig mit einer neuen Farbgebung aufgelöst, das verborgene Potential geweckt. Die Identifikation mit der Firma, wurde wesentlich größer; und zwar anhaltend und dauerhaft größer als je zuvor.


Eigene Erfahrung

Wichtig ist mir, daß die Menschen das Farb-Konzept selbst erfahren – ich liefere keine schicken Designergags, sondern arbeite mit den Leuten, frage Sie: Was stellt Ihre Lebensqualität dar, woraus setzt sie sich zusammen. Welche Farben symbolisieren sie? Wenn ich in ein Schwarz-Weiß Büro komme und in Coaching-Gesprächen erfahre, daß die Mitarbeiter die Linie des Büros selbst schätzen, stolz sich auf die Inhalte und Qualität ihres Betriebes beziehen, jedoch stark unter dauernder Kritik und Mangel an Anerkennung leiden, dann gilt es zu vermitteln, daß genau diese Gestaltung diesen Mangel unterstützt.

Hier gilt es, nicht noch zusätzliche Kontraste zu schaffen und das Design kühl zu halten, nein – es gilt Heiterkeit und Wärme zu produzieren: Apricot, Sonnengelb, Türkis und Lindgrün, ein Pastellorange gehören an die Wände. Und es funktioniert - die coolsten Typen machen auf, die Kommunikation fällt leichter, der Büroablauf wird flüssiger und effektiver.

Diese Prozesse kann ich allerdings nur durch eigene Erfahrung der Kunden hervorrufen. Sie lassen sich nicht intellektuell durch Wissensübertragung vermitteln.


Atommodell

Um nachzuvollziehen, wie diese Wirkung auf den Menschen, in diesem Fall auf das gesamte Firmenklima zustande kommt, lohnt es sich, das Atommodell der einfachen Schulphysik anzusehen. Wie ist eigentlich Materie aufgebaut? Um einen Atomkern kreisen Elektronen und Protonen. Kaum vorstellbar in welcher Geschwindigkeit dies passiert.

Damit nicht genug: dieses komplexe Gebilde, mit dieser innewohnenden Dynamik verbindet sich mit anderen, zu Molekülen. Auch sie sind in Bewegung und organisieren noch ganz nebenbei eine hochkomplizierte Logistik, den Stoffwechsel. Man könnte sagen, alles ist in Schwung, besser vielen, vielen Schwingungen. Eigentlich unglaublich, daß es dabei keine Unfälle, keine Zusammenstöße gibt. Nun der Mensch produziert sie sehr wohl im verwegenen Umgang mit diesen im Prinzip doch so unbekannten Kräften, und riskiert dabei sogar den gesamten Planeten, siehe nur Tschernobyl.

Die Frage ist, was sich eigentlich zwischen Atomkern und Elektron, Proton etc. befindet. Luft? Nichts?, waren da die spontanen Antworten. Spannungen, Felder oder ‘gar Energien’? Plötzlich wird der Wortschatz des Wissenschaftlers "esoterisch" Eigentlich wissen wir es bis heute noch nicht.

Allerdings werden sowohl bei Farben wie bei Licht die Wellenlängen gemessen. Ist also Farbe Energie? Farbe und Licht haben ihren Platz zwischen Fernseh- und Radiowellen, Radioaktivität, Telefon und Strom – all dies erscheint uns ja wiederum real: der Strom kommt aus der Steckdose, das TV aus dem Fernseher, die Oma und der Enkel sprechen aus dem Telefon. Und das sollen nur Wellen sein?


Physik und ...

Es kommt noch schlimmer, der Abstand zwischen den Teilchen ist extrem groß. Eigentlich handelt es sich dabei um eine gigantische Transparenz. Warum ist dann ein Stück Holz, ein Stück Metall, oder auch ein Mensch, der ja ‚nur‘ aus Atomen besteht, überhaupt sichtbar? Nach den physikalischen Überlegungen könnten die Dinge allenfalls als Nebel auftauchen, aber nicht massiv. Bis heute unerklärbar, warum zumindest in unserer Welt, Materie als kompakt, als undurchsichtig auftaucht.


... Philosophie
Noch diffuser wird es, wenn wir uns die Bestandteile der Atomkerne, Elektronen oder Protonen anschauen wollen. Im Schulmodell werden sie durch tennisballgroße Kugeln dargestellt. Aber sind sie das wirklich im Kleinen? Könnte man sie durch ein Hochleistungsmikroskop sehen? Nein. Hier werden die Physiker endgültig zu Philosophen. Korpuskel oder Welle, Quak oder Fädchen? Alles oder nichts. Scheinbar ist nichts wirklich, nichts tatsächlich real. Was bleibt ist Bewegung – alles ist in Bewegung, und damit veränderbar auch beeinflussbar und umgekehrt? Sind wir also von einer ‘toten‘ Materie oder auch von den anderen Menschen gar nicht so getrennt wie wir meinen?


Resonanz Geist und Materie

Vielleicht erklärt diese Betrachtung die Resonanz zwischen Geist und Materie. Vielleicht wirken deshalb die Farben, aber auch die Formen. Und vielleicht wirken sie deshalb nachhaltig, denn in unserem Zeitverständnis bleibt ja die Materie, während unser Geist flüchtig ist - ein Gedanke - nicht einmal eine Sekunde.

Wenn mich aber jeden Tag leuchtende Farben in meinem Büro anstrahlen, wie kann ich da selbst trübe werden? Wenn Lebendigkeit durch die Gestaltung um mich herum dokumentiert ist, wie kann ich da träge werden? Sollte sich deshalb dieses kleine Investment einer Firma in bewusste Gestaltung des Büroambientes, nicht hundertfach auszahlen?


Farbmaterial

Es liegt nun nahe, auch das Material der Farbe zu studieren. Mit welchen Pigmenten und welchem Trägermaterial streichen wir eigentlich? 1994 konnte ich interessante Erfahrungen öffentlich zugänglich machen. Ich organisierte für die Volkshochschule München im Gasteig ein Symposium über Sinneswahrnehmung. Zwei Dozenten sprachen zur Farbe: der Dipl. Chemiker Dr. Kremer und der Arzt Dott. Ramponi. An fünfzehn Probanden maßen wir die Auswirkung von Farben mittels der Kirlianphotographie an den Händen bzw. Fingerspitzen.

Die Kirlianphotographie zeigt quasi das Energiefeld des photographierten Körperteils. Sie kann zur speziellen Diagnostik verwendet werden oder zum plastischen Erkennen der eigenen Befindlichkeit. Starke ‚Kringel‘ um die Fingerkuppen zeigen ein gutes ausgeglichenes Kräftepotenzial an, schwache oder gar durchlöcherte Ränder weisen auf eine gewisse Schwäche des Menschen hin.


Kirlianfotographie

Ganz deutlich hatte jeder Proband schon nach zehn Minuten Einwirkung von Naturpigmenten von Dr. Kremer wesentlich stärkere Energiephotos als zuvor von der üblichen Kunststofffarbe, eine Dispersion. Natürlich wussten die Versuchspersonen jeweils nicht, vor welcher Farbe sie gesessen hatten.

Wenn wir eine Kunststofffarbe und eine Kreidefarbe mit Naturpigmenten unter dem Mikroskop ansehen, so sieht man bei der Dispersionsfarbe nur eine aalglatte Oberfläche – das Auge hat nichts zu greifen. Die Mineralfarbe dagegen sieht aus wie ein Gebirge, wie der Nachthimmel über einer einsamen Insel – es funkelt und glitzert – mit jedem Wimpernschlag eine neue Faszination. Daß dadurch nicht nur das Auge erfreut wird, sondern sich die gesamte Konstitution verbessert, zeigt, was der Mensch als Ganzes benötigt: die umfassende Erfüllung seiner Sinne.


Naturpigmente

Ich selbst arbeite für mich selbstverständlich ausschließlich mit Naturfarben, allerdings keine vorgefertigten trüben Mischungen vieler Biopaletten. Ich mische selbst; die Natur ist ja in der Realität auch nicht trübe, sondern bringt ununterbrochen frische, helle, klare und leuchtende Farben hervor.
Um den kristallinen Effekt noch zu verstärken, verwende ich manchmal zusätzlich Quarzsand oder farbiges Glasmehl. Die Oberflächen spielen sich dann zwischen Sandpapier und Samt.

Nachdem es auch industriell, vorgemischte Kreidefarben gibt, empfehle ich sie eindringlich auch für gewerbliche Räume. Was kann einer Firma mehr nutzen, als eine gestärkte Konstitution, die sich ganz automatisch, und vor allem ununterbrochen von gut behandelten Wänden nährt.
Menschen, die das einmal kennen gelernt und gespürt haben, möchten diese Lebensqualität nie mehr missen, ja sie vertragen oft gar nicht mehr das verbreitete Schwarz-Weiß. Selbst ein schwarzer Stuhl fällt dann auf – ist unpassend geworden.


Frühling, Sommer, Herbst und Winter

Wie schaffe ich nun die Harmonie unter den Farben, wenn ich sie möglichst vielfältig verwenden möchte. Ton in Ton passt zwar immer, taugt letztendlich nicht wirklich zur Belebung. Hier können wir auf einen bekannten deutschen Maler und Lehrer des Bauhauses aus den 30er Jahren zurückgreifen: Johannes Itten.

Durch Zufall kam er in einer Studentenarbeit auf das Harmonieprinzip mit vier Farbpaletten. Studenten hatten sich geweigert, eine bestimmte Übung zu machen und kombinierten Harmonien in ihren eigenen Farbreihen. Verblüffend war anschließend die Übereinstimmung ihrer Gesichter und ihrer Typen mit ihren Werken. Es kristallisierten sich vier Farbreihen heraus, sie ähnelten den Stimmungen der vier Jahreszeiten. Dieses System findet heute in der Kosmetik und Farb- und Stilberatung eine breite Anwendung; geradezu schockierend, dass es in der Architektur nahezu unbekannt ist.

In jeder Jahreszeit gibt es mit Ausnahme von Schwarz und Schneeweiß immer alle Farben; das schafft eine große Freiheit, zu entwerfen. Geradezu stupide erscheint es nun, dogmatisch an einer bestimmten CI-Farbe kleben zu bleiben. Ich kann nun die Farbe der Corporate Identity zu einem Farb-Klima erweitern, das ebenfalls Wiedererkennungswert hat. Man kann nun wesentlich flexibler auf unterschiedliche Situationen, verschiedene Abteilungen, neue Veröffentlichungen und neue Anlässe eingehen.


Die Frühlingspalette

Sie ist von der Farbe gelb geprägt, die Rot und Rosatöne, die Grüntöne, Weiß-, Braun- und Beigetöne enthalten relativ viel Gelb, die anderen Töne folgen ihnen mit einer frühlingshaften Frische. Dies ist eine Palette, die sich gut in Bayern anwenden lässt, sie passt gut zu vielen Hölzern und dem warmen Farbklima der bayerischen Landschaft.

Eine Annäherung an Farbe besteht also darin, dass ich den Kunden die Jahreszeiten erleben lasse und sie danach frage, zu welcher Palette sie sich am meisten hingezogen fühlen.


Die Sommerpalette
Die Sommerpalette ist von Blau beeinflusst, aber auch viele Töne wie Rot, Rosa, Flieder, Grün, aber auch Beige und Braun enthalten Blau direkt. Die anderen Töne passen in einer gewissen Kühle und pudrigen Eleganz dazu. Auch hier gibt es kein Schwarz, lediglich ein helles Grau.

Ich zeige dazu gerne Innenaufnahmen von Corbusiervillen, denn oft argumentieren Architekten mit der Klarheit moderner Formen, die keine Farben vertrügen. Gerade Corbusier straft diese Auffassung Lügen. Selbst in einem einzigen Raum verwandte er gleichzeitig zahlreiche Sommer-Farben.


Die Herbstpalette

Diese Palette ist uns allen in Bayern gut bekannt: schwer und deftig gilt sie heute noch oft als Ausdruck von Gemütlichkeit. Doch sie muss nicht unbedingt plump und behäbig eingesetzt werden. Mit den Farben des sich verfärbenden Herbstlaubes und der blühenden Astern läßt sich durchaus auch in zeitgemäßer Form eine üppige Farbenfülle gestalten. Diese Palette ist rot dominiert. Um der Gefahr der Schwere zu entgehen, wende ich sie nie in Reinform an, sondern meist in Kombination mit Frühlingsfarben.


Die Winterpalette

Die Pastelle hell, fast weiß und eisig, die Farben klar und unvermischt, so enthält diese Farbreihe die stärksten Kontraste. Blau dominiert und kühl, entspricht sie wohl am ehesten dem heutigen Zeitgeist, der sich ja durch das geliebte ‚cool‘ deutlich zum Ausdruck bringt. Es ist die einzige Palette, in der guten Gewissens Schwarz vorkommt, natürlich auch das vollkommen unvermischte Weiß.


Cool

Grafiker, Designer und Architekten halten sich meist hier auf; wenn ich jedoch Menschen nach dem Ausdruck ihrer Lebensqualität, nach dem Wunschambiente ihrer Arbeitswelt befrage, dann sprechen sie nicht über Coolheit, sonder über ein kollegiales Arbeitsklima und eine freundliche Kommunikation. Sie suchen nicht das Trennende, sondern das Verbindende. Wenn Sie in meinen Workshop-Übungen die passenden Farben dazu suchen, so wählen auch Männer, Techniker, wie Kaufleute, eher Warmtöne, als ein kühles Konzept, eher frische, als dunkle Farben, so gut wie nie Schwarz.

Zu bedenken sind natürlich auch immer die Breitengrade, in denen wir arbeiten. Nicht umsonst wäre ein grüner Lodenmantel in Hamburg undenkbar, trägt man dort den knalligen Friesennerz. Die Nordsee überstrahlt die Küste, während Gebirge und Wälder im Süden zu einem wärmeren Farbklima beitragen.


Farbsensibilisierung

Erst wenn Menschen selbst Farbsensibilisierungsübungen machen, selbst genau analysieren, was sie persönlich oder der Betrieb benötigen, erst wenn sie diese Begriffe formulieren und sie dann versuchen, in Farbe umzusetzen, erst dann entsteht wirkliche Erfahrung auf diesem Gebiet.

Erst dann kommt der Mut auf, die Farbpaletten der üblichen Büromöbelhersteller zu verlassen, den Zeitgeist zu vergessen. ‚Gestandene Mannsbilder‘ – würde man bei uns in Bayern sagen – malen rosa und hellblau, wenn es um die Selbständigkeit und Autonomie in ihrer Arbeitswelt geht. Sie haben die sogenannten Softfaktoren erkannt, die einen Arbeitsablauf erst effektiv machen. Es ist nicht nur Fachwissen und Kompetenz, den Degree und den Doktor-Titel, es ist die gute Kommunikation, der rasche Kontakt ohne großes Aufhebens, nicht zuletzt die gute Laune, die den Arbeitsprozess effektiver machen, die den Kunden veranlassen, wieder zu kommen.


Wille zur Entwicklung

Im Grunde braucht es den Wunsch, besser den festen Willen, in eine Veränderung hineinzugehen, bevor man eine Farbberatung anstrebt. Farbe, allein ‚aus dem Bauch‘, aus dem persönlichen Geschmack, ‚aus der Hüfte zu schießen‘, wird weder etwas bewegen, noch eine persönliche Entwicklung unterstützen.

So erlebte ich einmal den Wunsch eines Kunden nach Leichtigkeit. Das Farbkonzept seines neuen Geschäftes sollte diese Leichtigkeit im Innenraum ausdrücken. Ein Ladenbauer und eine Sortimentberaterin hatten mit dem Inhaber auch schon ein Farbkonzept entwickelt. Was fand ich vor? Schwere Farben: ein herbes Rostrot, statt weicher Kamelhaarfarbe, ein dräuendes Oliv, statt frischem Wiesengrün, die Schwere eines bräunlichen Orange statt der Wärme eines Sonnengelbs.

An einigen Deckenfeldern drückendes Braun, statt einem schwebenden Hellblau. Das Unterbewusste, die Vergangenheit hatten zugeschlagen. Wer sich Leichtigkeit wünscht, leidet unter Schwere. Wäre Leichtigkeit bereits präsent, so bräuchte sie nicht formuliert zu werden. Überwinden konnte das der Kunde nur mit Bewusstheit und der ernsten Absicht, sich selbst in Bewegung zu bringen. Zu schnell und unbemerkt nimmt einen das Alte wieder an den Haken.


Bewusstheit

Erneut sind wir beim Zusammenhang zwischen Geist und Materie. Hätte ich das Farbkonzept, was mir natürlich stolz präsentiert wurde, einfach nur kritisiert, wäre es zu einem Machtkampf der Gestalter gekommen. Statt dessen bat ich um den Lebensentwurf, führte Coaching-Gespräche und entwickelte aus den tiefen Wünschen des Kunden seine einzelnen Werte, ja Lebensqualitäten, die er wirklich auch in seinem Geschäft erleben wollte.

Daraus abgeleitet konnte ich jedem Beteiligten verständlich machen, daß die bisher ausgesuchten Farben diesem Lebensentwurf nicht gerecht werden würde; wie Schuppen fiel es Ihnen von den Augen. Heute läuft das Geschäft gut und der Inhaber ist glücklich.


Firmenworkshops

Aus diesen Gesprächen entdeckte ich immer wieder Überraschungen. So arbeitete ich in einem Firmenworkshop mit den Mitarbeitern die Eigenschaften heraus, die sie in ihrem Unternehmen gerne loshaben wollten. Wie in jedem großen Betrieb gab es Dinge, die sich seit langem eingeschlichen hatten, und denen offensichtlich niemand Herr wurde; es fielen Begriffe wie Bürokratie, Schwerfälligkeit und Langsamkeit, Sturheit und Unbeweglichkeit, fehlendes Marketing und ungenügender Bekanntheitsgrad; alle diese Punkte assoziierten die Teilnehmer, diesmal tatsächlich ‚aus dem Bauch heraus‘; mit Farben und Formen, die sie auch farbig auf die Fragebögen malten.

Diese Bögen zusammengelegt ergeben ein bestimmtes Spektrum; es entsprach ziemlich genau der Farbpalette eines normalen gediegenem Büromöbelhauses. Die üblichen Braun- und Grautöne mit Schwarz und einigen Farbtupfern.


Die Übersetzung in Farbe

Später ließ ich sie in ähnlicher Weise, ihre Büroumgebung notieren, den eigenen Raum, den Schreibtisch, aber auch Flure, Eingang und die Gebäude selbst. Erstaunlich war, daß beide Farbklimata sehr ähnlich, teilweise sogar identisch waren.

Ihre Zukunft, ihre Wünsche an ihr Berufsleben, die Voraussetzungen für gute Kundenkontakte, erhielten jedoch diametral entgegengesetzte Farbkombinationen. Je nach Thema reichte der Spielraum von harmonischen Ton in Ton Kombinationen in Pastell, über fröhliche, spielerische, fast kindliche Zusammenstellungen bis zur temperamentvollen Arie in den kräftigsten Farben, übrigens zum Thema Zukunft.

Keine der positiven Begriffswelten stimmte mit der bestehenden Farbgebung überein, im Gegenteil, es standen sich zwei völlig konträre Auffassungen gegenüber. Die alten übernommenen Relikte waren im Gebäude wie einbetoniert oder eingebrannt. Man wollte schon so lange in die neue Richtung gehen, aber das Gebäude sprach weiterhin die alte Sprache. Um sich wirklich der Zukunft zuzuwenden, muss auch die Zukunft gestaltet werden: Resonanz zwischen Geist und Materie.


Formen

Im Übrigen gab es die gleichen Ergebnisse auch bei der Formensprache in der Büroausstattung. Auch hier entstanden nach der Auseinandersetzung über die wirklich benötigten Qualitäten Assoziationen zu freien geschwungenen Formen und Kreisen, kaum zu Rechtecken; natürlich setzte sich die bisherige Gestaltung hauptsächlich aus Rechtecken zusammen, also wieder ein baulich-geistiges Hindernis, Innovation und Kreativität zu entwickeln.


Tiefenfunktionalität

Funktionalität ist ein vielgepriesenes Schlagwort in der Bauplanung. Ich behaupte, sie wird viel zu kurz gegriffen; es geht eben nicht nur um die Quadratmeter, die ein oder zwei Schreibtische benötigen, es geht nicht nur um die Pflegeleichtigkeit, es geht nicht nur um den Wendeplatz eines Lasters. Natürlich sollen und müssen diese Dinge alle funktionieren, doch was sagt diese Hausmeisterfunktionalität über die Funktionen aus, die in diesen Orten in diesen Räumen tatsächlich stattfinden sollen?

Hat man sich wirklich gefragt, welche Qualitäten zu diesen Funktionen vonnöten sind? Welches Klima soll geschaffen werden, welche Formensprache bringt dies zum Ausdruck? Das nenne ich Tiefenfunktionalität.


Qualitatives Raumprogramm

Das heißt, ich benötige als Planer, natürlich erst recht als Farbgestalter vor dem quantitativen Raumprogramm zunächst ein qualitatives Raumprogramm. Da dies in unserer Gesellschaft bisher nahezu unbekannt ist, sind die Gestalter aufgerufen, dafür die Stimme zu erheben. Alle Menschen werden es danken – sie erhalten Vielfalt und Lebensqualität. Auch die Firmen werden es danken, sie finden eine echte CI und damit Identifikation mit dem Betrieb und sie steigern ihre Produktivität.

Mit einem Satz Ittens möchte ich schließen:

”Niemals hätte das Auge die Sonne wahrnehmen können, wenn es nicht zuerst die Form der Sonne aufgenommen hätte. Ebenso kann die Seele Schönheit nicht erkennen, bevor sie nicht selbst schön geworden ist.”

Uns allen wünsche ich die Farbigkeit und Freude, diese Seelenschönheit zu erfahren, sie aufzunehmen und zu genießen.

Danke



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